Während meiner Zeit in Taizé war ich noch fest davon überzeugt, dass ich mein Leben für andere Menschen opfern möchte. Weil ich damals nicht mehr für mich brauchte als ein einigermaßen bequemes Bett, gutes Essen und mittelmäßig bis gute Gesellschaft. Poor me.
Nur Narren und Tote ändern ihre Meinung nicht. Ich merkte auch, dass meine heroischen Absichten bei den Frauen am Anfang zwar imponierten, sich die Wetterlage aber schlagartig änderte, sobald sie einen Schritt weiterdachten und mich fragten, wie ich denn dann in Zukunft sie und die Familie ernähren will, wenn ich mit meiner Arbeit, dem Dienst am Nächsten wenig bis gar kein Geld verdiene.
Ich wollte den Bogen noch retten, indem ich sagte, dass sich die Situation für mich dann natürlich ändert und meine Prioritäten auch, aber da war das Unwetter schon am Himmel.
Und Außerdem waren die Frauen in Taizé zum Teil so christlich, dass sie sich nicht mal Spaß für eine Nacht gegönnt haben, sondern das volle „Bausparer-Paket“ buchten. Sex zum Einschlafen inklusive. Wenn überhaupt.
Mein Plan war ursprünglich längere Zeit in Taizé zu bleiben. Ich machte mir einfach vor, dass die Brüder mich dort tolerierten und das ein Ort für mich war, an dem ich längere Zeit glücklich bin und leben kann.
Taizé ist zwar ein magischer, unglaublich schöner Ort, wenn du einen sicheren friedlichen Platz ohne Stress suchst und dich auf deutsch gesagt mal ausheulen musst.
Nur, sobald du dann fertig bist mit Trauern, hast du einfach 1000 Hoes aus nicht nur „different area codes“ sondern sogar different Kontinenten um dich rum. Aus Ländern, deren Namen du vorher nicht mal gehört hast. Und davon haben nicht alle Achselhaare und einen Feminismus- oder Bibel-Knall. Die wenigsten Männer, die als Freiwillige längere Zeit nach Taizé gehen tauchen bei der Damenwelt überhaupt auf dem Radar auf. Das heißt, ich hatte nicht einmal mal ernstzunehmende Konkurrenz.
Es war nur so, dass die Taizé Brüder mit allen Wegen versuchten, uns männlichen Freiwilligen von den weiblichen Freiwilligen zu trennen. Es gab kein offenes Verbot. Uns wurde nur gesagt, dass wir keine Liebschaften mit Besucherinnen anfangen sollen. Denn die waren ja nur eine Woche da, „and if they leave, they take their heart with them“ (hat ein Bruder so gesagt).
Auch ich merke nach ein bis zwei Wochen, dass es mir nicht gut tat, engere Beziehungen zu Besucherinnen aufzubauen. Weil es auch meinem Herz (und meinem Schwanz) nicht gut tat, wenn sie nach einer Woche wieder gingen. Ich konzentrierte mich auf nachhaltigere Investments. Das war mir sonst einfach zu anstrengend.
Aber selbst wenn Liebesbeziehungen zwischen den Freiwilligen nicht verboten waren, und die Brüder selbst ja, da Zöllibat, nicht eigenständig Cockblocken konnten, wurden Dir überall, in nenn sie mal „strategische Cockblock-Steine“ in den Weg gelegt.
Getrennte Häuser
Tilleul
Die Männer und Frauen wurden getrennt untergebracht. Wir (Männer) hatten sogar drei verschiedene Hauser. Ein großes, namens Tilleul (Französisch für Linde, wie mein Lindenblatt-Tattoo auf dem Arm. Das hatte ich aber schon davor). Es hieß so, weil wir einen Lindenbaum in Innenhof hatten.



Am Anfang kamen alle männlichen Freiwilligen erst einmal nach Tilleul. Und bleiben dort die ersten ein bis drei Monate. Als ich Anfang August ankam, war noch Hochsaison in Taizé und etwa 2500 Besucher und Besucherinnen jede Woche.
Wir waren also auch dementsprechend viele Freiwillige. Im Prinzip wie in einem Flüchtlingsheim für unbegleitete männliche Asylsuchende. Über 40 Männer Anfang bis Ende 20 von allen möglichen Ländern der Welt. Taizé ist ja international noch viel bekannter, als in Deutschland und Europa. Es war laut, schmutzig, chaotisch, anstrengend und extrem lustig (letzteres muss nicht unbedingt auf ein Flüchtlingsheim zutreffen)
Was ich schon am zweiten Abend feststellen musste: Pornhub war in unserem Haus W-LAN gesperrt.
Wollten sie uns ärgern? Uns unsere Kollegen oder „Brüder“ schmackhaft machen? Keine Ahnung. Für mich hieß das: Datenpaket upgraden. EU-Roaming sei dank.
Es gab neben Tilleul noch drei andere Häuser für die männlichen Freiwilligen. Eins war etwas kleiner und direkt neben Tilleul. Dort schliefen etwa fünf bis zehn Freiwillige, die länger als drei Monate in Taizé blieben. Manchmal auch Gäste der Communauté.
Petit Morada
Dann gab es noch Petit Morada. La Morada, aus dem spanischen übersetzt „der Wohnsitz“, ist die Empfangslobby von Taizé und die Schnittstelle der Bruderschaft zu den Besuchern. Man kann sich bei Fragen an den Rezeptionisten, wir nannten ihn den „Morada-Boy“ wenden oder ihn bitten einem Bruder eine Nachricht auf einem gefaltetem ettel zu hinterlassen. Ich hatte schon darüber geschrieben in:
Jedenfalls gab es über La Morada eine Unterkunft für die Freiwilligen, die länger als drei Monate, teilweise bis zu einenhalb Jahren in Taizé bleiben. Das waren so bis zu zehn Betten. Und die meistens von Ihnen haben sich den „Kurzzeit-Freiwilligen“ gegenüber auch ziemlich wichtig genommen, weil sie natürlich mehr Erfahrung hatten. Sie waren auch meistens in einer „Main-Responsible“ Position bei der Arbeit.
Es gab da halt auch welche, die sich was darauf einbildeten und aufführten wie halbe Brüder. Obwohl sie eigentlich nur die „Luxus-Bitches“ der Brüder waren. Je mehr die Brüder gemerkt haben, dass ein Freiwilliger sich auch längere Zeit in Taizé engagieren, eventuell vielleicht sogar auch Brüder werden will, umso freundlicher waren sie zu demjenigen. Wir nannten es „Brother-Grooming“.
aujecwujnlijec, oh, wha, 787237rnsyncas (Schüttelfrost-Attacke…)
Mir gegenüber ließ die Freundlichkeit nach ein paar Wochen nach. Während ich mich in den ersten Wochen langsam einlebte, selbstsicherer, offener und lebensfroher wurde, ging mir die Starrsinnigkeit und Scheinheiligkeit mancher Brüder immer mehr auf die Nerven. Man könnte sagen, je mehr ich zu mir fand, umso großer wurden die Gräben zwischen der Bruderschaft und mir.
Strategische Cockblocker-Steine: Shampoo aux Oeufs

Shampoo aux oeufs oder übersetzt: Eiershampoo. Wir (zumindest die männlichen Freiwilligen, bei den Frauen war das nicht so) bekamen von den Brüdern im Prinzip alles, was wir für den täglichen Bedarf brauchen. Ich hätte die komplette Zeit als Freiwilliger kein Geld ausgeben müssen. Wir bekamen das Essen über die Großküchen der Communauté, in denen die Frauen kochten.
Wir Männer bekamen im Gegensatz zu den Frauen Pflegeprodukte gestellt. Rasierer, Zahnpasta, Zahnbürsten. Und eben auch Shampoo. Nicht ohne den Hintergedanken. Anders kann ich es mir nicht erklären.
Obwohl ich mir auch nicht erklären kann, wie man aus den Zutaten ein Shampoo mixen kann: „Shampoo“ und Eier.
Allein durch die Existenz wirft für mich die Frage auf, ob nicht eine ganze „Playerhater-Lobby“ dahinter stecken muss, denn das haben die Brüder ja nicht selbst hergestellt, sondern eingekauft.

Der Vanilla Faux-Pas
An einem morgen hatte ich vergessen mein eigenes Shampoo, normales „Head and Shoulders“ mit in die Dusche zu nehmen. Es war ursprünglich gar nicht mein eigenes, ich hatte es irgendwo abgegriffen, nachdem mein eigenes leer war.
Die Tür war schon zu, und ich schon nackt unter dem warmen Wasserstrahl. Zur Auswahl stand dann dort nur Eiershampoo oder Vanille-Duschgel. Entweder ich roch also wie ein Huhn, oder wie ein Vanille-Baum. Bei ersterem konnte ich sicher sein, dass mir keiner, absolut gar keiner, und die Betonung liegt auf keiner, weder weiblich noch männlich an die Wäsche gehen will. Und bei der Vanille Variante bestand zusätzlich die Gefahr, dass ich damit noch Männer anziehe.
So schnell hab ich damals nicht geschaltet. Vanille roch einfach besser. Also ging ich an dem morgen nach Vanille riechend ins Morgengebet. Mir war das aber so unangenehm, so da zu sitzen und zu beten, mit halber Morgen-Latte, neben den teilweise attraktiven Frauen und zu riechen wie eine von ihnen, dass ich direkt nach dem Frühstück, bevor mich einer meiner Kollegen oder Brüder mit einer Frau verwechseln und mir an die Wäsche gehen konnte, schnell nochmal mit Head and Shoulders die Vanille von mir spülte.
Fortsetzung folgt…
