Nach meinem Aufenthalt in Taizé, fuhr ich in den Norden von Frankreich, nach Calais. Vor zwei Wochen habe ich in meinem Blog einen Bericht darüber veröffentlicht.
Während ich noch in Taizé war habe ich schon Augen und Ohren offen gehalten nach Projekten oder Jobs für die Zeit danach. Ende August habe ich dann den Zettel am Schwarzen Brett gesehen.

Ich hatte von Beginn an immer das Gefühl, dass ich von den Brüdern genau beobachtet werde und meine Tage gezählt sind. So wie früher, wenn man in der Schule aufs Landschulheim gefahren ist und die Lehrer dich und deine Kumpels genau kannten. Ich mir aber vorgenommen hatte, mich zu benehmen und keine Faxen mehr zu machen. Einerseits weil ich meine Eltern wirklich noch als Vorbilder gesehen habe und dachte, erwachsen werden bedeutet keinen Spaß mehr am Leben zu haben.
Andererseits wegen Mädchen. Sie fanden es zwar manchmal lustig, wenn wir uns in der letzten Reihe wieder über andere lustig machten oder mit Papierkügelchen abschossen. Nur ging deshalb keine mit uns ins Bett.
Im Gegenteil, sie gingen uns aus dem Weg. Sie wendeten sich entweder denen zu, die einen reiferen Eindruck machten. Denen, die die Schule ernst nahmen, trotzdem aber auch sportlich waren. Oder den richtigen Bad Boys, die es entweder gar nicht auf’s Gymnasium geschafft haben oder sich abends mit den Jungs im Park zum Saufen trafen und am nächsten Tag mit blauem Auge in den Unterricht kamen.
Ich wusste, dass Taizé so ein Ort war, an den Freiwillige kamen, die die Rebellphase hinter sich hatten. Die reifer sind und mehr zu sich selbst finden wollten. Die Mehrheit der Leute war einfach nur langweilig.
Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht genau, was ich in Taizé suchte. Ich wusste nur, dass mich die Gesänge und Gebete berührten. Sie gaben mir ein Gefühl von Verbundenheit und Geborgenheit, dass ich mein Leben lang vermisste.
Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich dort das erste Mal in die Kirche kam. Es war Anfang Mai diesen Jahres. Nachdem ich nachts alleine den ganzen Weg auf der Autobahn über Basel, Mulhouse, Besancon und Chalon-Sur-Saone auf der Autobahn zurückgelegt hatte, erreichte ich Taizé etwa um sieben Uhr morgens.
Eigentlich wollte ich morgens losfahren. Jedoch lag ich abends schlaflos hellwach im Bett und bekam kein Auge zu. Deshalb packte ich um ein Uhr nachts einfach meine Sachen und verstaute sie so leise wie möglich im Auto, um die Nachbarn nicht aufzuwecken. Bei der Sparkasse in Murg hob ich noch Geld vom Konto ab. So viel, wie ich bis zu meiner Dispogrenze von -100 Euro bekommen konnte. Es war die Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Die Straßen waren leer gefegt.
Als ich in Murg vor der Bank parkte, fuhr eine schwarze E-Klasse an mir vorbei in die Seitengasse. Sie gehörte wahrscheinlich irgendeinem Gangster. Er schaute nur aussdruckslos an mir vorbei, als ich die Straße überquerte. Danach kam noch ein Streifenwagen. Es wäre berechtigt gewesen, wenn sie sich darüber erkundigt hätten, was ich heute Nacht noch geplant hatte. Nachdem ich alleine um ein Uhr nachts von Dienstag auf Mittwoch in der Sparkasse mein Konto leer geräumt habe. Die beste Antwort hätte mit rotem Licht zu tun gehabt.
Sie fragten nicht, sondern fuhren einfach weiter.
Jetzt im Nachhinein weiß ich auch, wieso ich mich, sei es gegenüber der Polizei, aber auch gegenüber den Nachbarn so kriminell gefühlt habe. Obwohl ich im Prinzip das unschuldigste überhaupt vor hatte: eine Woche in ein, ich nenne ich jetzt mal Kloster zu gehen und zu mir zu finden.
Weil ich noch so von meiner Familie verinnerlicht hatte, dass es das schlimmste und gefährlichste überhaupt ist, sich selbst und seinen Emotionen zuzuwenden. Du kannst rauchen, du kannst arbeiten, du kannst Sport machen, du kannst einkaufen. Aber wehe (!) du spürst dich selbst. Wehe, du willst den Hühnerstall verlassen, in dem alle unglückliche und abhängig sind. Wenn du das machst, dann begehst du die oberste Sünde: du machst dich auf die Suche nach deinem Herz.
Damit machst du den anderen nur umso mehr bewusst, wie unglücklich sie wirklich sind. Dass all‘ die Beschäftigungen, die sie den Tag über verfolgen meistens auf das eine Ziel hinauslaufen: ihrem inneren Schmerz zu entkommen.
Ich nahm die letzten 80 Euro aus dem Bankautomat, die ich griegen konnte, tankte voll, und fuhr los.
Bis nach Basel war ich noch einigermaßen konzentriert. Die Straßen waren frei. Da ich nur Autobahn fuhr, musste ich mich auch nicht sonderlich auf den Verkehr achten. An den Knotenpunkten bei Basel fädelte ich mich durch die richtigen Tunnel Richtung Mulhouse. Irgendwann empfing ich nur noch französische Sender, die Sprache nervte mich. Ich wechselte auf Spotify. Podcasts gingen nicht. Ich konnte mich nicht auf Sprache konzentrieren. Außerdem wollte ich niemanden hören, den ich mit einer Autorität verwechseln konnte.
Es fühlte sich an wie auf dem Highway to Hell. Oder to Heaven. Der Soundtrack dazu war schön aber düster. Gesungen von dem Israeli Asaf Avidan. Der Titel passte wie die Faust aufs Auge zu dem Satz, den mir mein systemischer Therapeut aus Tübingen nach unserem letzten Termin mit auf den Weg gab. Es war die Antwort auf die entscheidende Frage: Wie verhalte ich mich gegenüber meiner Familie? Ich hatte genug gewartet. Genug geredet. Genug gehört. Wenn Dir dein Umfeld nicht passt, hast du drei Optionen:
„Love it, Change it or leave it.“
I left it.

Fortsetzung folgt…
Kurze Anmerkung: Ich weiß, dass die Stories meistens mit einem anderen Thema anfangen. Beim Schreiben kommen dann aber immer andere Erinnerungen hoch. Ich schreibe, was mir gerade in den Sinn kommt, deshalb sind immer wieder Sprünge darin. Es ist für mich wie Puzzlen: Es hilft mir, ein klares Bild zu bekommen.
