tomorrowonmymind

No, you can't always get what you want, you can't always get what you want, you can't always get what you want, but if you try sometime you'll find, you get what you need

39,7 Grad

Samstag, ‎23. ‎Februar ‎2013, ‏‎15:02:58,

Cape Coast Hospital

Es ist heiß. 37 Grad Lufttemperatur, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das passte ziemlich genau darauf, wie es sich in meinem Körper anfühlte, wenn man bedenkt, dass wir zu 80 Prozent aus Wasser bestehen. Der einzige Unterschied: Meine Körpertemperatur war bei 39,7.

Auffahrt zur Universität von Cape Coast, im Hintergrund der Golf von Guinea

Ich liege auf einem Krankenhausbett in Cape Coast, Ghana, an der Westküste von Afrika. Außer meiner Boxershorts habe ich nichts an. Mein nassgeschwitzter Körper klebt auf der nur mit Kunststoff bezogen dünnen Matratze des Krankenhausbetts. In der Vene meiner linken Ellbeuge steckt eine Kanüle, während mein Unterarm schlaff an der Seite hängt. Vier Versuche hat die Krankenschwester gebraucht, um die Ader zu treffen.

In dem Bett rechts von mir liegt ein Isreali mit Vollbart. Um die dreißig Jahre alt. Man sah ihm seine Kopfschmerzen an, während er sein iPad erster Generation in der rechten Hand hielt. Er hatte einen Blog nahmes „LonelyPlanet“ und reiste durch Afrika. Kurz davor war er in der Elfenbeinküste. Während er in einem Trotro – so nennt man die kleinen Minibusse, die in Afrika als Hauptfortbewegungsmittel benutzt werden – über den East African Highway Richtung Osten nach Ghana fuhr, fingen die Kopfschmerzen an. Wie Auren bei Migräne. Dumpf, den Verstand vernebelnd zwingen sie dich in die Knie. Nachdem er in Cape Coast bei seinem Kumpel in der in der Oasis Beach Bar ankam, konnte er schon kaum mehr auf den Beinen stehen. Der brachte ihn sofort ins Krankenhaus auf dem Universitätsgelände am nordwestlichen Ende der Stadt.

Die Fenster waren aus mehreren horizontalen schmalen Scheiben zusammengesetzt, die sich wie Jalousien waagrecht aufklappen liesen um Luft rein zu lassen. Aus Mangel an einem Ständer hatten sie den Infusionsbeutel mit Kochsalzlösung an die Ecke des obersten Fensters gehängt. Ich stand langsam aus dem Bett auf und streckte mich, um mir den Infusionsbeutel von der Kente des Fensters zu greifen. Oben haltend, damit die Kochsalzlösung weiter in meinen Blutkreislauf tröpfeln konnte ging ich an dem Israeli vorbei ins Bad. Dort stand ein Eimer mit Wasser und einer Kelle zum Duschen. Daneben ein Kanister zum Pissen.


Manchmal muss man im Leben an die Stelle zurückkehren, an der es einen aus der Bahn geworfen hat. Nur um mit neuem Anlauf die Kurve ein zweites Mal zu nehmen.


Nach der ersten, relativ unkomplizierten Malaria hatte ich noch zwei weitere Verläufe. Den letzten und schwersten, als ich meine Schwester auf der Reise in den Norden von Ghana begleitete. Dort angekommen, im Mole Nationalpark, erwarteten mich die schlimmsten Albträume meines Lebens. Die Halluzinationen haben schon Tage zuvor auf der Reise über Kumasi und Atebubu angefangen. Die Busfahrt war lange und unbequem. Ich fing an mir Ängste einzubilden. Hatte Schwierigkeiten das Gleichgewicht zu halten. Ein Teil von mir driftete ab in ein Paralleluniverum. Es war, als kämen mehr und mehr Gefahren auf mich zu, während ich versuchte die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit beizubehalten.


Mittwoch, ‎9. ‎Januar ‎2013, ‏‎20:20:10

Ayensudo

„malaria parasites seen“ – Erster Verlauf

Schon am Abend zuvor beim Fussballspielen im Dorf ging es mir nicht gut. David, Ein Lehrer der Schule brachte uns das Essen zum Fussballfeld, wo die Schule von Ayensudo ein kleines Turnier veranstaltete. Ich hatte kaum etwas vom dem frittierten Reis mit Hähnchen runterbekommen, den ich sonst schon beim Ansehen nur weniger werden ließ und verabschiedete mich früh von meinem Chef Solomon und David, der sich in der Organisation um uns Freiwilligen kümmerte.

Ayensudo ist ein keines Dorf an der Küste des Golf von Guinea, wo der Atlantische Ozean auf die Küsten der westafrikanischen Länder trifft. Auch als „Goldküste“ bekannt war es die südöstliche Ecke des transatlantischen Dreieckhandels. Von hier aus wurden Sklaven nach Südamerika und Gold nach Europa abtransportiert. Heutzutage ist Ghana, ehemalige britische Kolonie, eines der wirtschaftlich und politisch am besten da stehende Land in Afrika und für seine Gastfreundschaft und Friedfertigkeit bekannt.

In einer Hand ein schwarzer Eimer mit Wasser und einer Kelle darin, um den Hals ein weißes Handtuch und mit einer Zahnbürste im Mundwinkel ging Solomon am nächsten morgen wie gewohnt durch die Mitte des Innenhofs der U-förmig aneinander gereihten Betonhütten. Neben ihm Robert, ein Nachbar, der Tür an Tür neben Solomon wohnte. Er war wie Solomon auch Lehrer an der Schule von Ayensudo.

Sie waren wortwörtlich wie dick und dünn. Solomon dick, gemächlich, etwas verpeilt und Robert schlank, durchtrainiert und flink. Auch wenn sie beste Freunde waren, teilten sie andere Ansichten und Interessen. Robert war ein einfacher Mann, dem nichts daran lag in der Öffentlichkeit zu stehen. Solomon hingegen strebte immer schon nach Macht und Anerkennung. Sein Vater war in der Vergangenheit in Regierungsnähe des damalige Präsident Jerry Rawlings.

Rawlings ist in Ghana eine Legende. Der Mann, der das Land unabhängig und in die Zukunft geführt hat. Er erlangte dadurch Berühmtkeit, dass er seine Reden mit einem Zettel in der Hand begann, nur um ihn dann nach einer Minute wegzuschmeißen mit den Worten „I don’t need this fucking shit of paper to talk to you“ und dann seine Rede aus dem Bauch heraus fortzusetzen. Er kam aus dem Militär. Um seinen Mut zu beweisen, flog er bei einer Militärveranstaltung mit einem Hubschrauber unter einer Brücke durch. Solomon liebte es, von ihm zu erzählen. Robert antwortete mir darauf nur: „Matthias, you know – I don’t like politics. I like soccer.“

Jeden morgen liefen sie Seite an Seite mit Eimer in der Hand und Zahnbürste im Mundwinkel erst zum Plumpsklo, dass etwas abseits vom Compound lag. Solomon nannte es auch „White House“ oder „Obama House“. Während einer drinnen sein Geschäft erledigte, stand der andere draußen hinter dem Plumsklo und hielt Wache. Mich erinnerte der dann immer an ein Erdmännchen, dass aufmerksam vor dem Bau Ausschau nach Greifvögeln hält. Die Unterhaltung, die sie vorher geführt hatten lief dabei immer unterbrechungslos weiter.

Manchmal lief Solomon auch nur alleine an mir vorbei. Wenn ich ihn dann etwas fragte antwortete er nur: „Sorry Matthias, just need to see Obama for some time, am coming back to you soon.“

Wir hatten kein fließendes Wasser, weshalb mal alle ein bis zwei Tage mit einem Eimer zum großen Wassertank des Dorfes auf der anderen Seite der Straße laufen musste. Es waren etwa fünf Minuten, nicht weit, jedoch musste man mehrmals laufen da man sieben bis acht Eimer brauchte, um die große Tonne voll zu bekommen. Meistens erledigten solche Arbeiten die Kinder aus der Nachbarschaft.

An dem morgen stand ich nicht auf. Solomon klopfte an die Tür: „Matthias? Are you ok?“ Ich öffnete die Tür zu meinem Zimmer in den Vorraum. „No, not at all.“ Ich ging erst an Solomon, dann links am Fliegengitter des Vorraums vorbei hinter die Hütte. Mir war übel. Ich erbrach den Reis mit Hähnchen vom Vortag zwischen die Stämme der Bananenbäume, um die sich die Ameisen tummelten.

Von da an übernahm David die Führung. Wenn man es das erste mal in seinem Leben mit Malaria tropica zu tun bekommt, kann man froh sein, wenn man sich auf jemanden verlassen kann, der die dann notwendigen Schritte einleitet. „Oh Matthias. Please, put some clothes on, I’ll take you to Cape Coast.“ Auf halber Strecke stiegen wir bei einer Tankstelle aus, wo ich noch den restlichen Mageninhalt an einem Seitenstreifen neben der Zapfsäule los wurde. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. David nahm mich ins Schlepptau und brachte mich zum Gebäudekomplex hinter der Tankstelle, wo er mich die Treppe hochführte.

Es war ein teures Labor mit Klimanlage. Wie überall war die viel zu kalt eingestellt. Nachdem wir bei draußen tropischer Hitze die Glastüre öffneten, fröstelte mich die 22 Grad kalte Klimanlagenluft im Inneren. Es gab zwei Schalter, hinter denen Frauen saßen. Davor mehrere Stühle mit Wartenden.

Nachdem auf dem Testresultat mit krakliger Schrift ein dickes Plus und „malaria-parasites seen“ stand, fuhren wir weiter in die Stadt. David kämpfte sich durch die Menge und bahnte mir den Weg Richtung Zentrum. Vorbei an Motorädern, hupenden Taxis und Afrikanerinnen, die ihre Babys mit einem Tuch auf den Rücken geschnallt hatten, während sie Früchte aus den großen silbernen Schüsseln verkauften, die sie auf dem Kopf balancierten.

Stand am Markt von Cape Coast

Normalerweise lief ich nie durch die Stadt, ohne mir einen „Bofro“, ein an einen kleinen Berliner erinnerndes Gebäck hinter die Kiemen zu stopfen. Doch an dem Tag taumelte ich nur schwitzend kurz vorm Kollabieren unter der brennenden Mittagssonne hinter David her. Bei einer kleinen Apotheke am Straßenrand stoppte er um eine Packung mit Tabletten zu kaufen. „Artemether/Lumefantrine“, auch unter dem Namen Riamet® bekannt. Das Standardmedikament bei „einfacher“ Malaria. Er packte es ein, nahm mich am Arm und brachte mich zurück nach Ayensudo. Dort verbrachte ich die nächsten Tage im Bett.