Was können Worte schon beschreiben. Sie können Gefühle erahnen lassen. Sie sind wie die Tasten auf einem Klavier. Ein Versuch aus einer Unendlichkeit an Schwingungen und Farben ein paar rauszunehmen und eine Sprache zu finden für das, was man in sich trägt.
Das Schreiben ist immer ein Kompromiss. Nur die Musik und die Malerei kann eins zu eins weitergeben, was in uns steckt. Sie kennt kein ja oder nein kennt. Kein schwarz oder weiß.
Mein Herz. Meine Seele. Nie zuvor hatte ich eine Frau so geliebt. Es war nicht mehr viel von meinem Körper übrig. Aber die Entscheidung, dass Land zu verlassen traf ich nicht von Herzen. Ein erwachsener Teil in mir verabschiedete sich. Er ließ sein Herz in Ghana. Bei ihr. Während er in Deutschland, abgespalten von seinen Gefühlen, weiterlebte, um eines Tages zurück zu kommen und da weiter zu machen, wo er auf Pause gedrückt hatte.
Ich erinnere ich wie ich meine Sachen packte: meinen weißen Koffer, meinen Rucksack. Sie lief mit mir hoch zur Straße. Es regnete in Strömen. Wir gingen über den vom Regenfall aufgeweichten roten Sandboden vor den Hütten hangaufwärts zur Straße. Das Wasser rann in Sturzbächen den kleinen Hügel herab. Wie hundert kleiner Flüsse, die sich kreuzten, wieder trennten, immer breiter wurden und sich dann unten vor dem Wohnkomplex in einer großen Pfütze sammelten.
B’s Haar war nass. Ihr Haut war warm und feucht. Sie wusste: es ist das einzig Sinnvolle. Ich wusste: es ist das einzig Sinnvolle. Keiner fühlte es. Der erwachsene Teil in mir funktionierte. Oben an der Straße blieben wir stehen und warteten. Wie ein Riss, der durch mich durchging. Ein Blitz, schräg von oben nach unten durch meinen Körper. Dieser Riss hielt mich auf den Beinen. Ließ mich stehen. Hart und starr. Ich sagte: „I will come back. As a man. With both feet on the ground.“ Ich kam nie zurück.
Sie war enttäuscht. Ihre Schultern hingen schlaff herab. Ich liebte sie. Sie liebte mich. Aber wir wussten beide, dass Liebe nicht alles ist. Sie ist die Flamme, die auf der Kerze brennt. Sie brennt so lange sie Wachs hat. So lange, wie du auf eigenen Beinen stehen und unabhängig von ihr sein kannst. Verlierst du dich dabei selbst aus den Augen, erlischt sie wie bei einem Windstoß.
An mir war nicht mehr viel dran. Ich war abgemagert durch die Malaria und Typhus. Auch wenn es mir gut ging mit ihr zusammen, waren die letzten Wochen nur noch eine einzige Anstrengung. Ups and downs. Wie Wellen im Meer, die mich immer weiter raus trieben auf den Ozean. Weit weg von Alltag, Arbeit und Stabilität. Dramen und Konflikte. Streitereien, die damit endeten, dass ich sie aus dem Zimmer schmiss, um dann am nächsten Abend wieder mit ihr im Bett zu landen. Wo sie mir die Stelle mit der kleinen Verbrennung auf ihrem Bein zeigte. Dort, wo gestern die heiße Suppe auf ihre Haut getropft ist, nachdem ich sie von mir weggestossen hatte, weil sie nicht aus dem Zimmer gehen wollte.
Keiner wollte den anderen verlassen. Aber es nutzte nichts. Wir mussten stark sein. Damit ich Bodenhaftung finde. Um zurückzukommen an den Ort. Zu der Frau, die ich nie verlassen wollte.
Das zumindest sagte mir mein liebendes jugendliches Ich.

Ich hielt den Rucksack nach oben, sodass der Mate des Kleinbusses ihn mir abnehmen und unter den Sitzen verstauen konnte. Dann ging ich um das Trotro, öffnete die Heckklappe und stellte meinen Koffer auf den staubigen Holzboden hinter der letzten Sitzreihe. B setzte sich im Bus neben mich. Der Mate gab dem Fahrer ein Zeichen, dann fuhren wir los. Vorbei an sich im Wind und Regen biegenden Palmen. An kleinen Dörfern am Straßenrand. An Checkpoints, wo Polizisten mit Maschinengewehren standen und uns wie gewohnt erst passieren ließen, nachdem der Mate ihnen beim Handschlag ein paar Ghana Cedi übergeben hatte, die er in seiner Handfläche versteckt hielt.
In Accra angekommen nahmen wir ein Taxi zum Flughafen. Wir saßen auf der Rückbank. Sie lehnte an meiner Schulter und weinte. Weinte die Tränen, die ich auch hätte weinen sollen. Die ich aber nicht zulassen konnte, weil es bedeutet hätte sie damit loszulassen. Stattdessen behielt ich sie ohne mir dessen bewusst zu sein in meinem Herz, während sie warm an meiner Schulter lehnte.
Wir saßen zusammen in einem Restaurant am Flughafen. Mein Flug ging um halb 11. Es war alles besprochen. Mit ihren tiefen braunen Augen, sah sie mich lange an. Müde, erschöpft, aber nicht mehr traurig. Ich hatte zu tief in diese Augen geblickt. Dann ging ich in die große Vorhalle des Accra Airports.
We will not be disturbed by the fussin‘ and fighting
Kanye West – White Dress
Tell Peaches light the herb cause we just reunited
Let’s make a move from these herds, go somewhere in private
I’m talking just me and you and the plane and the pilot, uh
Ich glaube man muss kein Psychologie studiert haben um zu merken, dass das eine extrem toxische Beziehung war. Mit einer Frau, die damals fünf Jahre älter war als ich. Ich habe mich lange Zeit gefragt, wie blind ich vor Liebe gewesen war. Was ich alles übersehen hatte. Denn da gab es einiges von ihrer Seite, das nur ein Ziel verfolgte: mich zu heiraten oder mich so fest an sich zu binden, dass ich sie nicht verlasse.
Zum Beispiel als sie mich zum Haus ihrer Eltern einlud. Mir eine Kette mit einem Anhänger schenkte, die ich ihr wieder zurückgab, weil ich ihr keine zu großen Hoffnungen machen wollte, woraufhin sie sie wütend in die Zimmerecke schmiss und mich da stehen ließ wie einen kleinen Junge, der etwas falsch gemacht hat.
Oder als wir nach dem Sex im Bett lagen und sie mir vorspielte, dass sie ihre Tage nicht bekommen hätte, nur um meine Reaktion darauf zu provozieren.
Ich fühlte mich an einem emotionalen Tiefpunkt und suchte den fehlenden Halt in mir selbst bei einer anderen Person.
Erst bei Solomon, der mein Potential sah und mich mehr und mehr mit Politikern aus der Gegend vertraut machte. Nur um sich damit selbst einen Namen in der Gegend zu machen als der Afrikaner im Dorf, der enge Beziehungen nach Deutschland pflegt.
Dann in B, die keine Situation ausließ, mit der sie dafür sorgen konnte mir so schnell wie möglich einen Ehering um den Finger zu schieben oder ein Kind auf die Reise zu schicken, dass den Ring rechtfertigte. Ich wäre nicht der Erste gewesen. Die Heiratsquote bei männlichen Freiwilligen, die mit meiner damaligen Organisation ein Jahr in Ghana verbrachten lag über 50 Prozent. B‘s Schulpatin, die ein paar Jahre jünger war als sie war immer noch in einer Beziehung mit einem Freiwilligen, der ein Jahr vor mir in Ayensudo war. Sie waren zu der Zeit als ich dort war dabei die Hochzeit zu planen, ihre Sachen zu packen und sie nach Deutschland zu holen.
Bei all’ den Tests und Versuchen, mich mehr an sich zu binden, war da doch auch Liebe. Liebe, die sie nicht erwartet hatte bei mir zu finden. Dem europäischen Freiwilligen, dessen Illusionen von einer heilen Welt sich mehr und mehr in Luft auflösten. Der begriff, dass die Menschen in Ghana um ihn herum nicht mal ansatzweise so auf ihn angewiesen sind, wie er es in seiner damaligen Situation auf sie war. Sie aber das Fehlen einer Familie, die ihn in dem Moment hätte auffangen können ausnutzten, um sich dadurch selbst einen Vorteil zu verschaffen.
Der begriff, dass die größte Gefahr hier nicht die Malaria war, sondern sich selbst für andere Menschen aus dem Auge zu verlieren.
Hätte B mich auch geliebt, wenn ich die selbe Hautfarbe gehabt hätte als sie? Am Anfang sicher nicht. Je mehr wir aber Zeit verbrachten. Zusammen lachten und merkten dass wir die selbe Leere spüren, den selben Hang haben, uns zu sehr in einen anderen Menschen zu verlieben. Umso mehr wuchs unsere Verbundenheit, die jedoch auf der Illusion beruhte, man könne seine emotionale Leere mit einem Menschen füllen, der die selbe Leere in sich trägt.
Es war die erste große Liebe. Die, bei der man sich bedingungslos hingibt, weil man noch nicht weiß, wo die Grenzen sind. Bis man irgendwann nicht mehr den anderen liebt, sondern sich nur noch selbst aus dem Auge verliert. Um das erste mal im Leben in tausend Stücke zu zerspringen. Und darauf angewiesen zu sein, Freunde und Familie um sich zu haben, die einem helfen die Bruchstücke wieder einzusammeln und neu zusammen zu setzen.
Und so laufen wir,
Von mir geschrieben, nach meiner erste Reise nach Taizé dieses Frühjahr (Gruß an Sandra, die es als erstes zu lesen bekam und mir antwortete: „Matze, das mit dem Schreiben, das solltest du weiter machen. Da hast du wirklich Talent.“)
zerbrochen,
weil das,
was früher war,
so gar nicht passt in das,
was heute ist,
auf unbekannten Wegen,
aus alten Teilen,
neu zusammen gesetzt.

Spoiler-Alarm: ich hatte zu dem Zeitpunkt weder Freunde noch Familie, die dieser Aufgabe gewachsen waren. Ich hatte gute Freunde, die selben, die ich auch heute noch habe. Aber ich konnte niemanden an mich heran lassen.
Forsetzung folgt…
