tomorrowonmymind

No, you can't always get what you want, you can't always get what you want, you can't always get what you want, but if you try sometime you'll find, you get what you need

Von warmen Steinmauern und geklautem Holz

Die Zeit vor Afrika

Mit der Entscheidung ein Jahr nach Ghana zu gehen hatte ich – das dachte ich damals zumindest – mein ganzes Glück auf eine Karte gesetzt. Mit der Pubertät, drei bis vier Jahren bevor ich nach Ghana gegangen bin, fing ich an mich nach und nach in mir selbst zurückzuziehen.

Von 4 bis 15 lief mein Leben eigentlich immer am Schnürrchen. Ich hatte in der Schule keine Schwierigkeiten. Im Unterricht war ich die meiste Zeit präsent und aufmerksam, sodass es für eine gute Note reichte, wenn ich mir am Abend vor den Klassenarbeiten ein bis zwei Stunden die Themen nochmal anschaute. Ich schaffte den Spagat, gleichzeitig meine Jugend zu genießen mit Freunden, Partys und Alkohol, und trotzdem gut mitzukommen in der Schule.

Ich war ein Allrounder; ich schaffte es alles unter einen Hut zu bekommen und konnte mich mit dem Streber aus der Klasse genauso gut über ein politisches Thema unterhalten, wie mit den Jungs aus der letzten Reihe über das neue Album von Bushido. Und doch hatte ich einen Teil in mir, an den ich niemanden heran ließ. Einen traurigen, wütenden und einsamen Teil, den ich in mir behielt und anderen Menschen nicht zeigte, weil ich Angst davor hatte, die Kontrolle zu verlieren. Es war der Treibsand meines Elternhauses. Das Gefühl der Einsamkeit meiner Kindheit. Durch den Streit in der Familie, den Alkohol meines Vaters und der Unfähigkeit meiner Mutter, sich davon abzugrenzen.

Erster Ausweg: die Jungs aus der Nachbarschaft

Mit den Jungs aus der Nachbarschaft verbrachte ich viel Zeit. Genau genommen von morgens, wenn die Sonne aufging bis abends als sie unter ging. So wie ich gingen sie ihren Eltern zuhause aus dem Weg. Wir flüchteten uns entweder zum Fussball spielen auf den Sportplatz oder zum Hütten bauen in den Wald. Bei schlechtem Wetter auch mal vor die Playstation im Zimmer des großen Bruders.

Auch wenn uns nicht langweilig wurde und jeder Tag etwas Neues brachte war es für mich eine rastlose Zeit. Eine Zeit in der ich getrieben war. Dadurch, dass nie ein Erwachsener dabei war, der auf uns aufpasste, galt entweder das Gesetz des Stärkeren oder das des Beliebteren.

Ich war ein eher schüchterner Spätzünder, weshalb ich mich von Konflikten fernhielt. Ich hatte die Erfahrung gemacht meistens den Kürzeren zu ziehen, da ich damals weder zu den Stärkeren gehörte, noch eine Playsi im Zimmer meines Bruders hatte, die mich auf der Beliebtheitsskala nach oben gebracht hätte.

Zudem hatte ich niemanden, der sich für mich eingesetzt hätte. Mein Vater war, wenn er nicht das Haus tyrannisierte entweder Arbeiten, in seiner Sucht oder beides und meine Mutter war mit der ganzen Situation so überfordert, dass das einzige was sie mir in solchen Situationen riet, war, der Klügere zu sein und nachzugeben.

Kindergarten und Schulzeit

Von dem Tag an, als ich das erste Mal in den Kindergarten kam, ging für mich die Sonne auf. Ich kam raus aus meinem Elternhaus und der Nachbarschaft. Rein in eine geordnetere und friedlichere Umgebung. Erst in den Kindergarten, dann in die Grundschule und ins Gymnasium. Dort kam ich mit Kindern aus besseren Familienverhältnissen zusammen, bei denen man auch im Garten Fussball spielen konnte und sein Holz fürs Baumhaus nicht von der Baustelle unterhalb des Waldes klauen musste.

Die gemeinsamen Abende in Ghana

Mir fiel die erste Zeit in Ghana viel leichter als den anderen Freiwilligen Nadja, Hanna und meinem Zimmerkollegen Finn. Ich lächelte viel und verbrachte meine Zeit am liebsten mit den Einheimischen. Mit den anderen Freiwilligen fühlte ich mich weniger wohl. Ich assoziierte sie wohl mit Deutschland und meinen Geschwistern.

Von den Ghanaern mochte ich vor allem meine Nachbarn Solomon und Robert, die für mich wie Ziehväter waren. Sobald die Sonne unter ging brachte einer Essen, das wir in einen großen Topf in die Mitte stellten, während alle drum herum saßen und mit den Händen daraus schaufelten.

Wir saßen abends noch lange danach auf der von der Sonne noch warmen niedrigen Betonmauer, wo wir Geschichten über Deutschland und Afrika austauschten. Dieses Gemeinschaftsgefühl kannte ich noch nicht. Es gab weder Zeitdruck noch keinen Streit. Das waren die schönsten Abende meines Lebens.

Eines Nachmittags kam Robert mit seinem breiten Grinsen auf mich zu. Er zeigte mir immer, dass er sich freute mich zu sehen. Zu den anderen Freiwilligen hatte Robert und Solomon wenig Kontakt. Sie gingen oft unter sich nach Cape Coast, kauften europäische Lebensmittel im Supermarkt oder feierten im Oasis Beach Club am Strand.

Er fragte mich: „Matthias, you are so different! What is your secret?“

Ja, mein Geheimnis

Jetzt im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass die Menschen in der Außenwelt: ob meine Nachbarn in Ghana, die Jungs aus der Nachbarschaft oder meine Freunde in Kindergarten und Schule immer auch zu einem Teil Familienersatz waren für mich.

Bei ihnen konnte ich zumindest teilweise Halt und Stabilität finden.

Unsere Vergangenheit prägt uns. Nur muss diese Prägung nicht immer schlecht sein, auch wenn sie eine Einsamkeit und Leere als Ursache hat. Bis heute bin ich offen gegenüber anderen Menschen und Kulturen. Ich glaube diese Eigenschaft zum Großteil auch dadurch erworben zu haben, dass ich die Notwendigkeit dafür gespürt habe. Ich will sie jedoch auf keinen Fall vermissen.