tomorrowonmymind

No, you can't always get what you want, you can't always get what you want, you can't always get what you want, but if you try sometime you'll find, you get what you need

Die Vergangenheit holt mich ein

Die erste Malaria suchte mich heim, nachdem mich mein Vater an Weihnachten in Ghana besuchte. Buchstäblich. Die Konfrontation mit meiner Familie traf mich wie ein Faustschlag ins Gesicht. Zu einer Zeit, in der sich die Illusionen gegenüber meinem Selbstverständnis als Helfer in Afrika und damit auch mein Selbstwertgefühl nach und nach in Luft auflösten.

Er kam an Heiligabend mit dem Flugzeug in Accra an. Ich holte ihn vom Flughafen ab und fuhr mit ihm zurück nach Ayensudo. Je weiter ich von Deutschland und meiner Familie entfernt lebte, umso krasser war es für mich wieder mit einem meiner Familienmitglieder in Kontakt zu kommen. Dann auch gleich noch mit meinem Vater, der von allen am wenigstens nach Afrika passte.

Solange er da war, funktionierte ich irgendwie. Er verhielt sich mir gegenüber respektlos und unfair, weil er mit den Menschen und dem Chaos in Afrika nicht klar kam.

Den ganzen Frust seiner Überforderung mit der Kultur und dem Laissé-Faire der Afrikaner ließ er an mir raus. Er kam nicht aus seinem Kopf. Anstatt anzuerkennen, dass es heiß war, kaufte er ein Thermometer, „weil ich genau wissen will, wie heiß es ist!“. Anstatt zu akzeptieren, dass das Regal in meinem Zimmer schräg war, bestand er darauf mit mir zum Schreiner zu gehen und mir dort ein neues Regal anfertigen zu lassen, dass seinen Anforderungen entsprach.

Unser Wasserkocher war ein bisschen tricky. Er schlug Funken, wenn man ihn ungünstig auf den unteren Aufsatz stellte. Mich hat das nicht gestört, denn mehr als einen kleinen Schlag zu bekommen passierte mir und meinem Mitbewohner nie. Mein Vater sah die offenen Kabel, als er sich in der Küche des Vorraums meiner Hütte einen Kaffee kochen wollte. Das brachte für ihn das Fass zum Überlaufen und ihm platzte endgültig der Kragen:

„Wie kannst du so leben? Nichts funktioniert! Alles ist kaputt und gefährlich! Wenn das hier so weitergeht, dann gehe ich in ein Hotel! Willst du das?“

Es war eine andere Zeit

Ich konnte mich nicht gegen meinen Vater stellen. Auch wenn ich einen Teil in mir hatte, der nichts lieber getan hätte als das. Der unglaublich wütend war, weil mein Vater schlecht über die Menschen und das Land redete, dass ich so liebte. Über das Land, in dem ich mich das erste mal in meinem Leben angenommen und zuhause fühlte.

Der am liebsten gesagt hätte: „Weißt du was? Wenn es Dir hier nicht gefällt, dann verpiss dich! Keiner will dich hier haben. Hau ab!“

Aber ich sagte nichts.

Solomon, Robert und die Leute aus der Organisation sahen, wie sehr mich die Situation belastete. Gleichzeitig brachten sie es nicht auf einen Nenner, wie ich so freundlich gegenüber einer Kultur und dem Leben sein kann, während mein Vater komplett überfordert war damit.

Ich ertrug es. Er blieb die geplanten fünf Tage. Ende der Woche begleitete ich ihn zurück zum Flughafen in Accra.