tomorrowonmymind

No, you can't always get what you want, you can't always get what you want, you can't always get what you want, but if you try sometime you'll find, you get what you need

Der letzte Faden

Nachdem ich meinen Vater zum Flughafen gebracht hatte, kam ich zurück in mein Dorf nach Ayensudo. Meine Fassade begann zu bröckeln. Die Fassade, die mir meine Mutter beigebracht hatte nach außen hin zu halten. Gute Miene zum Bösen Spiel zu machen. „Stark“ zu bleiben. Sich nichts anmerken zu lassen. Egal wie beschissen es einem innerlich geht.

Gerade als ich dabei war, mich wieder zu aklimatisieren, bekam ich einen Anruf aus Deutschland. Ich erinnere mich noch daran, als ob es gestern gewesen wäre. Wie ich in dem kleinen betonierten Vorraum meiner Hütte heißes Wasser über den Kaffee im Kaffeefilter goss, um mich anschließend damit einen der weißen Plastikstühle in den Innenhof zu setzen. Über den Kaffee in dem aus schwerem Porzellan bestehenden Kaffeefilter, den mir derjenige vor meiner Reise zum Abschied schenkte, dessen Nummer in dem Moment auf meinem silbernen Blackberry erschien. Auf dem selben Blackberry, dass auch er hatte. Ich nahm ab:

„Hey Joachim, lange nicht gehört.“ (Name geändert)

„Hey Matze, alles klar? Wie gehts Dir da? Wie läuft dein Projekt?“

„Hey, ja alles gut soweit, läuft alles. Mein Vater war die letzten Tage zu Besuch, hatte nicht viel Zeit für die Schülerzeitung, deshalb muss ich mich jetzt wieder ransetzen.“

„Ah ok, ja cool, hab schon ein paar Bilder gesehen. Also, ähm, ich muss Dir etwas sagen.“ Ich merkte an seiner Stimme, dass er nervös war. Sie hörte sich ernst und unsicher an, so als würde er gerade überlegen, wie er mir am besten etwas Unangenehmes beibringen soll.

„Hast du gerade einen ruhigen Moment?“

„Ja.“ Ich wusste, dass es etwas Ernstes war. Ich ahnte auch schon, was.

„Also, ähm, ich weiß, dass es jetzt vielleicht nicht einfach ist für dich.“

„Was meinst du? Sag!“

„Also, Matze: ich bin mit Maria zusammen. Seit ein paar Wochen jetzt“ (Name geändert)

Wolken über Ayensudo

Maria war eine der zwei Frauen, mit der wir die Monate bevor ich nach Afrika gegangen bin viel Zeit verbrachten. Sie hatte sich ein Jahr zuvor von ihrem Freund getrennt. Eigentlich spielten wir gar nicht in ihrer Liga, weshalb es mich eh wunderte, wieso sie so viel Zeit mit uns verbrachte. Andererseits waren wir jung. Was sollten wir da Fragen stellen? Sie genoss unsere Aufmerksamkeit und wir genossen ihre. Dass sie uns zu der Zeit emotional haus-hoch überlegen war, dafür waren wir viel zu blind vor Liebe.

Er brachte es mir so bei, wie man es sich von einem besten Freund nur wünschen kann. Ich spürte, dass es nicht einfach für ihn war und dass er Angst hatte vor meiner Reaktion. Er war seit drei Jahren mein bester Freund. Wir waren beide aus einem zerrütteten Elternhaus, nur dass seine Mum sich schon früh von seinem Vater getrennt hatte und er deshalb auch nicht wie ich ein einem Haus mit Garten, sondern einer kleinen Wohnung mit Balkon oberhalb des Bahnhofs wohnte.

Mit 14-15 , als ich anfing mich mehr und mehr von meinen damaligen Freunden zurück zu ziehen, die ihre Jugend auslebten und über die Stränge schlugen, verbrachte ich immer mehr Zeit mit ihm. Er hatte eine ähnliche Traurigkeit wie ich, nur dass er sie nicht wie ich hinter einem Lächeln versteckte, sondern die meiste Zeit präsent damit war. Wir konnten uns beide nicht ausgelassen ins Leben fallen lassen. Immer wieder war da dieser Schmerz im Weg, gegen den wir wenn wir steil gehen wollten wie mit dem Kopf gegen die Decke schlugen, während die meisten meiner Freunde durch die Decke gingen.

Seine Wohnung lag direkt am Ost-Bahnhof und auf meinem Nachhauseweg von der Schule. Immer öfter machte ich mittags einen Abstecher bei ihm vorbei. Meistens sah ich ihn schon aus der Ferne mit einer Kippe im Mundwinkel auf dem Balkon stehen und winken. Wir saßen zusammen auf seiner Hollywood-Schaukel, zeigten uns neue Musik auf Youtube oder schmiedeten Pläne für den Nachmittag. Er war auch „dieser eine Freund“, durch den ich angefangen habe zu Rauchen (mittlerweile nicht mehr).

Er wusste, dass ich nicht so unbeschwert und locker war, wie ich oft vorgab zu sein. Dass ich genau wie er den Hang dazu hatte, auf eine jugendliche Art zu viel in einer Frau zu sehen. Zu viel Lösung von Problemen, für die man an ganz anderen Baustellen arbeiten muss. Bei denen man beim Versuch, sie mit einer Frau zu lösen oder zu kaschieren nur volle Kraft voraus gegen die Wand brettern kann.

Was sollte ich dazu sagen? Gab es noch etwas? Außer „danke, dass du es mir persönlich gesagt hast, damit ich es nicht hinterum erfahren muss.“?

Ich brach kein Wort heraus.

Er sagte: „Tut mir leid Matze.“

Wir legten auf. Uns war beiden bewusst, was das für unsere Freundschaft bedeutete.

Weniger als eine Woche zuvor hatte ich noch mit Maria geskypt. Sie sagte sie vermisst mich. Ich hatte geschwärmt, wie schön es hier ist, dass die Welt viel kleiner ist, als man von Deutschland aus denkt und sie mich besuchen kommen soll. Solomon kennt wichtige Leute, von denen er mir schon einige vorgestellt hat. Von hier aus könnten wir sogar weiter nach Amerika, die Welt entdecken.

Meine Fassade, die ich nach dem Besuch meines Vaters versucht hatte mit Mühe wieder herzurichten, fiel nun endgültig zusammen.

Maria war zu dem Zeitpunkt der letzte Rettungsanker meines am seidenen Faden hängenden Egos.

Ich sank auf den weißen Plastikstuhl.

Cut.

Let the journey begin.

Fortsetzung folgt…