tomorrowonmymind

No, you can't always get what you want, you can't always get what you want, you can't always get what you want, but if you try sometime you'll find, you get what you need

100 Black Coffins

Die Frau, der letzte Rettungsanker für das Ego, nachdem einem klar wurde, dass man mit einer Schülerzeitung gar nichts an der Armut in Ghana ändern wird: weg.

Mit ihr, der beste Freund und in solchen Momenten Vaterersatz: weg.

Der leibliche Vater, den ich in der Situation gebraucht hätte, war zu meinem Glück gerade zurück nach Deutschland geflogen, nachdem ich während er hier war nur seinen Frust darüber abbekam, dass er unfähig war mit der Lebensfreude und dem Laissé-Faire der Ghanaer umzugehen. Und mich fünf Tage lang damit auf Trab hielt dafür zu sorgen, dass er keinen Afrikaner beleidigt und womöglich eine Schlägerei anfängt, für die ich dann gerade stehen muss. Falls ich dann überhaupt hätte stehen können. In einem von der Sklaverei und Ausbeutung gezeichneten Land, in dem ein Deutscher neben seinem Sohn Schwarze rassistisch beleidigt.

Mein Vater – zum Glück: weg.

Was tut Mann in so einer Situation? Dem nächst besten, der an der Hütte vorbei läuft auf die Fresse hauen? Schlechte Idee als Weißer unter Schwarzen. Trinken? Es war nicht mein Ding und ich sah ja wohin es bei meinem Vater führte. Kiffen? Ich hatte zu viel Angst davor dann Filme zu schieben. Arbeiten? Wir waren nicht in Deutschland. Hier gab es drei mal am Tag einen Stromausfall, keiner ist pünktlich und jede paar Wochen gibt es einen Monsumregen, der alles überschwemmt und die Infrastruktur lahmlegt. Alles in Afrika will dich davon abhalten.

Ich fing an zu Boxen. Damit begonnen hatte ich schon Anfang Dezember, nachdem ich immer weniger Motivation für meine eigentlich Arbeit, die Schülerzeitung „The youth speaks KEEA“ fand. Jetzt aber konzentrierte ich mich voll auf den Sport. Wenn du unter Stress stehst, hast du drei Optionen: dich tot zu stellen, zu rennen oder zu kämpfen. Ich kämpfte.

Doch ich hatte weder Handschuhe noch Boxsack. In Ghana kann man auch nicht einfach in den nächsten Intersport gehen oder auf Amazon bestellen. Wo hätten sie die denn hinliefern sollen? Siebte Hütte vier Häuserreihen unterhalb der Mainroad dritte Tür links? Abseits der Stadtzentren gab es keine Straßennamen, geschwiege denn Nummern. Du musst vernetzt sein und einen Freund haben, der einen Freund hat, dessen Schwager mit solchen Sachen handelt.

Deshalb fragte ich Robert, der im Gegensatz zu Solomon ein für Sportfreak war. Er kannte nicht nur einen Händler für Sportartikel, sondern gleich den Boxtrainer des Bezirks. Er nahm mich mit nach Cape Coast, wo er mich in eine Gegend abseits der üblichen Einkaufsstraßen brachte. Ein heruntergekommener, nach außen hin ruhig erscheinder Slum direkt an der Küste.

Dort klopften wir an eine Türe. Sie schwang nach außen, wir traten einen Schritt zurück. Heraus kam ein hünenhafter Mann um die 40, der einen Meter vor Robert stehen blieb, während ich rechts von Robert verharrte. Robert begrüßte ihn auf seiner Stammessprache, die ich nicht verstand. Dann wechselte sich sein Blick von eben noch freundlich und grinsend, zu todernst.

Robert hatte diese Eigenschaft. Er konnte der freundlichste und unbeschwerteste Typ sein, den es gab, aber von einer auf die nächste Situation ernst werden. Manchmal quatschten und lachten wir ausgelassen im Innenhof. Wenn dann aber ein Thema kam, bei dem er das Gefühl hatte, ich sei naiv, wie ich da auf der niedrigen Steinmauer saß und Witze machte, kam er immer ernster werdend auf mich zu bis er vor mir in die Hocke ging.

Bei den Hütten lief er oft oberkörperfrei rum. Im Gegensatz zu Solomon war er schlank und durchtrainiert. Ich sah dann immer seinen komplett definierten Sixpack, während er mir vor mir hockend erklärte, was in der Welt schief lief. Dabei tippte er immer wieder mit seinem Zeigefinger in den Dreck auf dem Betonboden, mit jedem Satz den er sagte etwas fester. Würde in solchen Momenten eine Kakerlake über den sandigen Boden krabbeln, er würde sie mit bloßem Finger zerquetschen und anschließend, anstatt auf den sandigen Betonboden, mit dem Finger auf die noch zuckende Kakerlake tippen, bis sie sich nicht mehr bewegte.

Er hielt seine Rede so lange, bis das letzte Lächeln aus meinem Gesicht verschwand und ich nur noch auf den Boden sah. Dann, immer noch in der Hocke sitzend, setzte er wieder sein breitestes Grinsen auf, das alle Zähne seiner glänzend weißen Zahnreihen zum Vorschein brachte, sprang auf, sah mir strahlend in die Augen, klopfte mir auf die Schultern und sagte lachend „Matthias, how are you? We need to find a grilfriend for you!“.

Die andere Freiwillige Nadja, die nicht wie Finn und ich direkt Hütte an Hütte mit den Afrikanern, sondern mit Hanna ein paar Dörfer weiter in Komenda in einem Haus extra wohnte kam auch ab und zu nach Ayensudo. Sie schwärmte: „Ich mag Ayensudo, es ist ja echt witzig hier. Robert ist so lustig.“ Wir haben zwar ein großes Haus in Komenda und unsere Ruhe, aber hier ist so eine schöne Atmosphäre, so direkt mit den Nachbarn Tür an Tür. Bis sie eines Tages Robert von seiner „Ich werd Dir jetzt mal die Welt erklären mein kleines Löwenbaby“-Seite kennelernte. Seither schien sie es vorzuziehen, im offiziellen Freiwilligen-Haus in Komenda zu bleiben.

Ich stand rechts neben Robert vor dem Eingang der Hütte des Boxtrainers. Nach seiner freundlichen Begrüßung auf Stammessprache, wechselte er zu ernst und flüsterte Worte, ruhig und bedacht. Dabei sahen sie immer wieder nach rechts zu mir herüber. Die Blicke des Boxers, mit denen er mich dabei musterte waren kurz und scharf. Einzig und alleine der Funktion dienend, sich ein treffendes Bild von mir zu machen, wie das Visier eines Schwarfschützengewehrs. Während er mich ansah, rührte er sich keinen Millimeter vom Fleck, sondern verharrte im Türrahmen. Mit dem rechten Bin leicht nach hinten versetzt stehend, wie ein Kämpfer. Sein Händedruck kurz und fest, mir bewusst machend, dass er seinen Körper seit der Pubertät nur noch als Maschine wahrnahm. Er sprach in knappen Sätzen und wechselte nur die nötigsten Worte. Dabei sah er mich immer nur kurz an, um sich zu vergewissern, dass ich ihn verstanden hatten und schaute anschließend wieder schräg links nach unten auf den Boden.

Wir verabredeten Tag und Uhrzeit zum Probe-Training Anfang nächster Woche. Ort: Das Fussballstadion von Cape Coast. Er war zu früheren Zeiten für die Nationalmannschaft angetreten, mittlerweile trainierte er dort das Boxteam der Stadt.

Cape Coast Küste, Foto von Erik Cleves Kristensen
Cape Coast Town, Foto von TripAdvisor

Fortsetzung folgt…


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