Ich konzentrierte mich voll auf den Sport. Von meinem Dorf aus waren es fünf Kilometer bis zum Meer. Die Strecke, die ich sonst mit meinem Motorrad zurücklegte, nutzte ich jetzt für mein Training. Die drei wichtigsten Dinge beim Boxen sind: Ausdauer, Ausdauer und Ausdauer.
Ich rannte jeden Tag bei brennender Mittagshitze die Strecke von Ayensudo zum Cosa-Beach-Ressort. Dort angekommen machte ich mein Kraft-Training, bevor es im selben Tempo wieder zurück ging. Robert feuerte mich an und übernahm die Rolle eines Personal Trainers, wenn ich nicht beim Boxtraining in Cape Coast war.
„Matthias, faster, stronger, you need to be the best fighter in whole Cape Coast. You are going to be the first White-Ghanian-Fighter in history! You know what is also important except of training?“
„More training?“
„No, nutrition! I will get you the best food for fighters in town!“
Anstatt Ziege, Chicken oder Fisch schwimmte abends in der Fufu-Soup Kaninchen. Während wir zusammen im Kreis darum saßen und uns mit den Händen über das Essen hermachten, achtete Robert darauf, dass genug für mich übrig blieb.
„Solomon, let Matthias eat first, he needs proteins!“
„I will, I will.“
„Matthias, if you eat this rabbit, you are going to be as quick as them. Do you know how they catch them?“
„No, but in Germany we keep them in cages until they are big enough. Then we kill them. Then we eat them.“
„Oh, you Germans are strange. Here in Ghana, they live free. If they are not out looking for food, they hide themselves in bushes. So to catch them, we build a big fence around the bush. Then we light it up. The fire drives them out – directly into our fences. They are pure protein! You eat a wild animal! So you are going to fight like a wild animal!“

Während Robert mich zu Höchstleistungen trieb, sah Solomon die ganze Sache immer kritischer. Ich schenkte der Arbeit an meiner Schülerzeitung immer weniger Aufmerksamkeit. Was hatte ich in Deutschland schon gelernt, was ich den Menschen hier hätte beibringen können? So gut ich mit Computern und meinem Verstand war, so leer fühlte ich mich innerlich.
War das die Message, die ich weitergeben wollte? Artikel zu schreiben über Umweltverschmutzung und Arbeitslosigkeit? Umweltverschmutzung, verursacht durch Verpackungen aus westlicher Produktion. Arbeitslosigkeit, die wir so nennen, weil das Modell einer 40-Stunden-Woche als Angestellter auch für Afrika gelten soll. Sollte ich ihnen die westliche Arbeitsmentalität beibringen? Besser, schneller höher, weiter? Während ich in Ghana das erste Mal das Gefühl hatte, mich wirklich angenommen zu fühlen? Das erste mal das Gefühl hatte, raus zu kommen aus dem Hamsterrad. Sollte ich ihnen genau dafür Lauftraining geben? Nachdem es in Deutschland für mich immer nur um die Suche nach Anerkennung durch Leistung ging. Eine Suche, die, wie mir nach und nach bewusst wurde immer mehr ins Leere lief.
Wie sollten mir meine Eltern die Anerkennung und Zuneigung geben, die ich suchte? Sie hatten sie selbst nie erfahren. Sie suchten sie selbst. Mein Vater in dem wohlig warmen Gefühl, dass er bekam, nachdem er sich nach der Arbeit die erste Schnapsflasche aufmachte. Meine Mutter in einer Ehe und Familie, dessen Grundpfeiler auf dem Treibsand der Alkoholsucht meines Vaters gebaut waren. In einem Haus, das mit jedem Schluck den mein Vater nahm und jedem neuen Hoffnungsschimmer, den meine Mutter dabei hatte, er könnte damit aufhören, tiefer und tiefer im Schlamm aus Alkohol, Streit und geplatzer Träume versank.
Man strahlt das aus, was in einem steckt. Das steckte damals in mir. Ich hatte keine Motivation, es an die Schüler weiterzugeben.
Und es auch noch Entwicklungshilfe zu nennen. Entwicklungshilfe in einem Bundesfreiwilligendienst für priviligierte Abiturienten, die damit über die Bundesregierung finanziert ein Jahr in bunter Armut verbringen können. Dort den Status als reicher Weißer in einem von reichen Weißen ausgebeuteten Land zu genießen. Dadurch mit Frauen zu schlafen, die sich in Deutschland nicht mal mit dem Arsch für sie interessiert hätten. Um sich damit dann hinterher ihren Lebenslauf aufzupeppeln und sich im Bewerbungsgespräch für den Projektleiterposten bei Bosch damit rühmen, armen Menschen geholfen zu haben.
Ich hatte kein Interesse mehr.
Cut.
Ich konnte nicht mehr.
Cut.
Ich ging zu Boden.
Cut.
Knock-Out.
Malaria. Die Erste.