tomorrowonmymind

No, you can't always get what you want, you can't always get what you want, you can't always get what you want, but if you try sometime you'll find, you get what you need

One Day Everyone Has To Stop Fighting

B und ich wurden ein Paar. Dadurch, dass sie Tür an Tür mit mir wohnte, hatten wir keine Distanz und waren von Beginn an wie in einer Ehe. Sie gab mir die Geborgenheit und Sicherheit, die ich von zuhause so sehr vermisste und für die ich bei Solomon und Robert Ansprüche und Erwartungen erfüllen musste. Bei Robert sollte ich dafür ein harter Kämpfer sein, während ich bei Solomon nützlich für das Schüler-Zeitungs-Projekt und damit sein Ansehen innerhalb der Organisation sein sollte.

The Holy Trinity

B war einfach da. Es war eine Form der bedingungslosen Liebe, wie sie in einer romantischen Beziehung eigentlich nichts zu suchen hat. Eine Liebe mit der eine Mutter ein Kind liebt.

Siehe mehr zum materialistischem und paternalistischem Prinzip im Interview mit Erich Fromm am Ende der Story.

Im Bett brachte sie mich in neue Sphären, von denen ich mir in Deutschland nicht einmal hätte erträumen lassen, dass es sie gibt.

Gleichzeitig war sie wie mein bester Freund: ich konnte mit ihr Lachen, wie mit einem Kumpel. Über Witze, die so unter der Gürtellinie lagen, dass sich sich die anderen Freiwilligen nur verschämt wegdrehten, wenn sie uns zwei hörten.

Sie war für mich Mutter, Geliebte und beste Freundin.

Kurz Spoiler-Alarm:

OMG! 🙈

One Day Everyone Has To Stop Fighting

Während ich blind vor Liebe auf Wolke 7 schwebte, wurde alles andere nebensächlich für mich:

Das mein bester Freund in Deutschland dort mit meiner eigentlichen“großen Liebe“ zusammengekommen ist?

Juckte mich nicht. Vielleicht können sie ja vorbeikommen und wir verbringen ein Wochenende zu viert am Meer? Etwas wie mit B hatte ich nie erwartet zu erleben. Maria interessierte mich nicht mehr im Geringsten. Ich hätte keine Frau der Welt B vorgezogen und gönnte es jedem, der sein Glück gefunden hatte.

Mein Schüler-Zeitungs-Projekt?

Keiner meiner Schüler saß nachmittags gerne im Klassenzimmer um sich über anstrengende Themen wie Teenage-Schwangerschaft und Drogenkonsum den Kopf zu zerbrechen. Stattdessen trafen sie sich lieber heimlich hinter der Schule, um sich übereinander her zu machen und Gefahr zu laufen, schwanger zu werden oder zusammen am Strand einen Joint zu rauchen. So what?! Das ist der Lauf der Dinge. Kinder sterben, Kinder werden geboren. Die einen Fliegen, die anderen Fallen. Wieso sollte ich mich in Gottes Angelegenheiten einmischen, wenn ich doch schon im Himmel war?

Das Boxtraining?

Wofür kämpfen? Ich hatte doch alles was ich brauchte. Mein Vater war weg, ich genoss allein durch meine Hautfarbe ein Ansehen unter der afrikanischen Bevölkerung. Alle Türen wurden mir von alleine geöffnet, ich musste nichts dafür tun. Anstatt dass ich mich schweißüberströmt bei brennender Mittagshitze von meinem Boxlehrer aufstacheln lasse, verbrachte ich doch lieber die Zeit mit B im Bett oder saß Hand in Hand mit ihr über die Liebe und das Leben philosophierend im Innenhof.

One Day Everyone Has To Stop Fighting

Eine Woche, nachdem ich wieder auf den Beinen war, fuhr ich ins Fussball-Stadion nach Cape Coast. Ich hatte mich mit meinem Boxtrainer verabredet. Außer, dass ich wegen Malaria nicht trainieren konnte, wusste er nicht, was bei mir abging. Er ahnte jedoch in der Art, wie ich am Telefon mit ihm sprach, dass es etwas Ernstes sein musste. Doch ich wollte es ihm persönlich sagen. Ich traf ihn am Rande des Seiteneingangs bei den Tribühnen, deren Treppen wir im Training vorwärts nach oben und rückwärts wieder nach unten rannten.

„Hey, Matthias!“ begrüßte er mich mit seiner disziplinierten Strenge. „How are you? Are you ready to go back to training?“

„Hello, I am fine again, thank you!“

Er schloss mir die Tür zur Umkleide auf und zog sich schon die Pratzen an, mit denen wir immer das Warm-Up begannen, nachdem er mich und die anderen 20 Minuten um das Fussballfeld laufen ließ.

„Coach, please, I need to tell you something.“

Meine Team-Kollegen, die alle aus Cape Coast kamen, waren schon dabei, ihre Jump-Ropes aus der Kiste zu holen. Mit flinken Sprüngen tanzten ihre Füße über das Sprungseil, das mit 120 BPM über den Steinboden klackerte. Im selben Takt wie die Snare der Afrobeats, die kurz und hart aus dem Ghettoblaster durch das Stadion schallten.

„You can tell me after training, I don’t want to delay. The others are already waiting. Go change your clothes! We are waiting for you!“

„Coach, it is important!“

„Ok.“ Sagte er genervt und wendete sich mir zu.

Gleichzeitig aber merkte ich, dass er schon eine Vorahnung hatte, die ihn hinter seiner harten Fassade fragil werden ließ. Ich sah ich es in seinem Blick. Seine Körperhaltung hatte er trainiert: er wirkte immer souverän und kontrolliert. Doch seine Augen kann man nicht erziehen. Ich sah, wie sich hinter seiner vorgetäuschten Strenge eine Zerbrechlichkeit in ihnen spiegelte. Wie in einem stillen Gewässer, in dem sich kleine unruhige Wellen breit machten.

„Coach, I am going to stop boxing.“

„What? Why?“ fragte er erschrocken mit der Erkenntnis, dass sich seine Befürchtung bewahrheitete.

„It is…“ „It is just too much.“stammelte ich.

„Too much training? We can make only two days a week. Let’s talk about that after training. But if you want to fight you need to be fi…“ Weiter kam er nicht.

„It is not because of that. It is in general..“ antwortete ich auf den Boden starrend.

„In General what?“

„In general, one day, everyone has to stop fighting.“

Ich sagte es. Ich sah ihm dabei in die Augen. Mit dem Wissen, dass es auch bei ihm einen Grund dafür gab, dass er mit über vierzig immer noch den Körper eines Fighters hatte und es dafür in der Vergangenheit einen fucking Grund geben musste. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Ich wäre eine Trophäe für ihn gewesen. Er hat Potential in mir gesehen. Ein Weißer Kämpfer. In seinem Team. Selbst wenn ich nicht der beste gewesen wäre: ich war etwas Außergewöhnliches für den Boxsport an der Küste.

Doch da war noch etwas anderes in seinem Blick, während ihm eine Träne die Wange runterlief. Er sah einen verlorenen Jungen vor sich.

Als seine Titelträume mit mir sich in Luft auflösten wie der Schweiß, der in dem Moment meinen Teammitgliedern bei ihren Sprints von der Stirn tropfte und auf dem heißen Betonboden in der Sonne verpuffte, sah er nicht nur sein eigenes Unheil, sondern auch mich, wie ich gerade dabei war, alle Anker zu lichten, die mich vielleicht davor hätten bewahren können, mich voll und ganz in einer Frau zu verlieren.

Und dachte sich:

Soundtrack zur Story von: Olamide Gbenga Adedeji (geboren am 15. März 1989) ist ein nigerianischer Rapper, Sänger und Songwriter. Er ist einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Künstler in Afrika.

Mehr zum Unterschied des Mütterlichen und Väterlichen Prinzips von Bachhoven in dem Interview mit Erich Fromm von 1974 (ab Minute 17:00) – Das ganze Interview ist episch – es war für mich ein Augenöffner – ich könnte seiner Stimme den ganzen Tag zuhören.

Philosophie aus den Archiven – Erich Fromm über die Macht der Liebe