Sonntag, 6. November 2022, 9 Uhr morgens
Meine Erinnerung an die Monate von Oktober 2012 bis April 2013 in Ghana ist fragmentiert. Zum Glück habe ich Bilder mit Aufnahmedatum, die mir helfen, die Ereignisse in die richtige Reihenfolge zu bringen. Aber was ist eigentlich aus den anderen Freiwilligen geworden?
Was arbeiten sie jetzt? Wo leben sie? Sind sie alleine? In einer Beziehung? verheiratet? Haben sie Kinder? Wie ist ihr Leben verlaufen? Es war für jeden von uns eine turbulente Zeit.
Wenn ich sie nicht einen nach dem anderen gegoogelt hätte, dann hätte ich sie genau an den Ort gedichtet, an dem sie heute leben. Genau zu der Tätigkeit, die sie heute machen. Alle bis auf eine haben ihre eigene Website. Es war ein Leichtes für mich, sie ausfindig zu machen:
Hannah


Hannah studiert in Hannover seit 2018 Fotojournalismus und Dokumentar-Fotografie. An der selben Universität, an der auch Joachim (geänderter Name aus der Story „Der letzte Faden“) Fotojournalismus studierte.
Während ich in Ghana die Schüler-Zeitung machte (mehr oder weniger), war sie in der Organisation für die Culture-Troup, eine afrikanische Tanzgruppe, verantwortlich.
Es war leicht ihren Kontakt rauszufinden – sie war damals schon ein bunter Hund. Ihr Vater ist ein bekannter Auslands-Korrespondent und dreht Dokumentarfilme auf der ganzen Welt. Aufgewachsen in Stuttgart bei den Schwaben, verbrachte sie ihre Schulzeit mit ihrem Vater in Rio De Janeiro, der von dort aus für die ARD berichtete. Nachdem sie von Ghana zurückkam, begann sie eine Ausbildung zur Fotografin in Berlin.
Sie war die erste, die ich heute früh ans Telefon bekam. Während ich gerade mit dem Auto nach Säckingen fuhr um mir beim Bäcker Brötchen und einen Kaffee zu holen, fand ich die Nummer auf ihrer Website. Spontan drückte ich „Anrufen“, schaltete das Bluetooth für die Freisprecheinrichtung aus, dass mich nur nervte und hielt mir das Handy ans Ohr.
Nach dem zweiten Piepen rutschte mir das Herz in die Hose. Ich legte auf und schmiss mein Handy in das untere Seitenfach der Beifahrertür.
Fuck! Ich hatte 10 Jahre kein Wort mehr mit ihr gewechselt. Es ist ein Sonntagmorgen im November. Die meisten Leute schliefen noch. Ich hatte nicht viel Zeit, um mir weitere Gedanken zu machen, denn jetzt klingelte mein Handy: Hannah hatte den Anruf gesehen und rief zurück:
„Hey Hannah“ sagte ich ohne mir etwas anmerken zu lassen.
„Hi, mit wem sprech‘ ich?“ ihre Stimme hörte ich sich immer noch genau so an, wie ich sie in Erinnerung hatte.
„Hier ist Matze aus Ghana.“ Kurze Stille.
„Matze! Hey, was geht, das is‘ ja mal ’ne Überraschung. Alles klar bei Dir?“
„Ja, alles klar!“
„Mit Dir hab ich ja mal gar nicht gerechnet! Wie lange ist das jetzt her?“
„Zehn Jahre.“
„Zehn Jahre schon?“
„Ja, im Sommer 2012 kamen wir in Ghana an. Jetzt ist Herbst 2022.“
„Krass, stimmt!“
„Was machst du gerade? Bist du in Berlin?“
„Nee, ich bin bei meinen Großeltern, lieg noch im Bett. Bin grade wach geworden.“
„Ah, bei deiner Oma? Die die dich immer mit Schnaps abgefüllt hat, als du noch ein Teenager warst?“ Ich erinnerte mich noch an die Story von ihr: „So Hannah, ein Schnäpsle geht noch gell?“
„Ja. Genau die.“ lachte sie. „Dass du die daran noch erinnerst?!“
„Ja klar.“ Grinste ich, während ich auf der Landstraße zwischen Murg und Säckingen hinterm Lenkrad saß. „Hast du noch Kontakt zu Leuten von damals?“
„Ja, Sarah (Name geändert). Bei der war ich letztes Wochenende zu Besuch Feiern.“
Sarah war eine Freiwillige, die vor uns schon ein Jahr in Ghana war und verlängert hatte. Zudem war sie etwas älter als wir, ziemlich abgebrüht und hatte was mit einem Einhemischen am Laufen. Sie besaß keine top Figur sondern war ziemlich mollig. Mit ihrem schwungvollen Gang und ihrer ausufernden Art konnte sie einen ganz schön einschüchtern. Ich weiß nicht, ob sie auch in Deutschland ein Paar geworden wären. Zudem hatte er schon was mit ihrer Vorgängerin, was sie an manchen Tagen abends mit Jäger zu vergessen versuchte.
Sie legte einen Sarkasmus und eine Abgebrühtheit an den Tag, die ihresgleichen suchte. Sie verstand schnell, dass sie sich nicht auf die Organisation in Ghana verlassen konnte und genoss ihr Leben dort in vollen Zügen, ganz nach dem Motto:
„Lasst mich mal meinen eigenen Film schieben bitte. Ich leb mein Leben – wenn ihr Bock habt, steigt auf, ich zeig euch gerne wie man hier Spaß haben kann. Wenn nicht? Verändert eben die Welt und beißt euch dabei an der Organisation die Zähne aus. Aber bitte! Nervt mich nicht weiter!“
Für mein damaliges jugendliches Weltverbesserer-Ich war das far too much. Heute würde ich mich wahrscheinlich gut mit ihr verstehen.
„Die ist mittlerweile dick im Geschäft in der Filmbranche. Sie hat nie studiert, sich aber die letzten Jahre hochgearbeitet und einen Namen gemacht. Sont zu niemandem wirklich. Und du?““
„Ne, zu niemandem, hab aber heute alle gegoogelt. Rat mal was Frank (Name geändert) macht?“
„Keine Ahnung?“
„Der arbeitet bei den Vereinten Nationen als „coordinator for data science and research at the United Nations Sustainable Development Solutions Network„. Hättest du Dir einfach glatt ausdenken können. Eins zu eins Frank!“
„Haha, voll!“
„Und was machst du gerade?“
„Ich studiere, will aber so bald wie möglich fertig werden und dann ins Ausland. Wohin weiß ich noch nicht: Hauptsache weg.“
„Ey nein, weißt du was? Genau die selbe Unterhaltung hätten wir vor zehn Jahren führen können! Genau das war damals auch immer dein Wunsch! Frei sein, Reisen, unabhängig sein.“
„Ja schon, krass. Was ist mit Dir?“
„Ich habe angefangen zu schreiben. Seit ich dieses Jahr eine Reise ins Ausland gemacht habe ist der Knoten in mir nach und nach geplatzt. Seit einem Monat schreibe ich über all das, was ich in den letzten zehn Jahren erlebt habe und veröffentliche es auf meinem Blog.“
„Oh, cool, ja heftig! Dann schick mal den Link! Du, ich muss mal Brötchen holen, habs meiner Oma versprochen. Bin an Weihnachten in Stuttgart, dann treffen wir uns auf ein Bier! Lass mich wissen, wenn du für deine Story was von mir brauchst!“
„Ok, mach ich! Hannah: wir hören uns! Bis dann!“
Ich hatte alles was ich brauchte.