tomorrowonmymind

No, you can't always get what you want, you can't always get what you want, you can't always get what you want, but if you try sometime you'll find, you get what you need

Veganes Fufu

Während der ersten Monate in Ghana konnte ich meine Fassade nach außen hin aufrecht erhalten. Ich teilte mir das Zimmer mit Frank (Name geändert). Er kam aus Berlin und war ein richtiger Strebertyp. Bevor ich abreiste traf ich Nadja, Hannah und ihn bei einem Vorbereitungstag.

Er war damals schon Veganer, zu einer Zeit in der man noch erklären musste, was das bedeutet. 2012 waren das ausschießlich Freaks. Zudem setzte es er sich für den Klimaschutz ein. Heutzutage würde er bei einer „Friday’s for Future- Demo“ in der Menge verschwinden. Damals war mit seiner Einstellung und seinem Eins-Nuller-Abi ein fucking Außenseiter. Er benutzte anstatt Windows das Freak-Betriebssystem „Ubuntu“ (übrigens die Bezeichnung für eine afrikanische Philosophie) auf seinem schweren Nerd-Laptop. Anstatt das Touchpad oder die Maus zu benutzen, tippte er Befehle in die Tastatur.

Ich machte mit meinem damaligen besten Freund Joachim vor meiner Abreise Witze darüber, dass es zu Konflikten führen könnte, wenn wir in der selben Hütte untergebracht werden.

„Hey Frank, ich war Jagen: heute gibt’s Gazelle!“

„Ähhm, Matze, du weißt doch, alles mit Fleisch ist schwierig für mich ☺️. „

„Waaas?? Wie bitte? Gazelle gibt’s! Dreh das Gas auf und bring den Spieß 😾!“

„Oki, aber meinst du nicht auch, dass der Solarkocher klimatechnisch die bessere Wahl ist 🤗?“

„🤬😤🤨“

„Ähm, aber, ich mein: wegen des Meeresspiegels?! Weißt du, ähm, das ist auch gar nicht so weit von hier 🤗🙄?!“

„🚑?“

„Bin schon dabei. ☺️🤕.“

Wir verstanden uns in so fern, dass jeder sein eigenes Ding machte. Er war für das ICT, das Internet- und Informatik-Training-Center der Organisation verantwortlich. Damals war das noch direkt am Ortseingang von Komenda.

Direkt davor hatte ein Typ einen Stand, an dem er Guthabenkarten sog. „credits“ der drei großen Anbieter MTN, Glo und Vodafone verkaufte. Auf denen konnte man einen Code freirubbeln, den man in sein Handy eintippte und mit einer „*100#-irgendwas-Kombination“ abschickte, um kurz darauf wieder Texten oder Telefonieren zu können. Außerdem gab es dort auch frische „Bofro“, ein süßes Gebäck, ähnlich wie Berliner, nur kleiner und fettiger.

Es war ein Treffpunkt für uns Freiwilligen und die Leute von der Organisation. Wenn ich mit dem Taxi nach Komenda fuhr sagte ich immer zum Fahrer: „Please, drop me at ICT.“ Später konnte ich mein Motorrad dann selbst neben dem kleinen Stand parken.

Skykey und wir nach dem Streichen der Wände im neuen ICT am Stadtrand
ICT heute

Das Equipment bestand aus in Deutschland ausgesonderten Computern, die die Organisation in einem Container gesammelt hat und nach Ghana schiffen ließ. Sie liefen mit Windows XP und waren allesamt ermüdend langsam. Auf dem Dach hatten wir einen fetten Router, der mit einer SIM-Karte über das Mobilfunknetz funktionierte und immer Probleme machte.

Zu der Zeit gab es für die breite Bevölkerung noch keine Smartphones mit Internet. Ursprünglich war es dafür angedacht, den Schülern nach der Schule Office-Skills und Internet-Training zu vermitteln. Anstatt dass sie jedoch die Büroklammer in Word fragten, wie sie einen Briefkopf erstellen, nutzten sie den Internetzugang zu 99 Prozent um mit ihren Kollegen auf Facebook zu chatten und zu schauen, ob das Mädchen auf das sie standen single oder vergeben war.

Verständnisprobleme unter Deutschen

Während ich das Doppelbett in der Mitte der Hütte hatte, schlief Frank auf der kleinen Matratze im Klappbett daneben. Während ich es liebte im Mittelpunkt zu stehen, machte er sich unsichtbar. An einem Tag war ich mit Nadja, Hannah und ihm in Komenda im Fanti-Unterricht. Fanti ist die Stammessprache in der Central Region im Süden Ghanas. Wir standen nach Stunde draußen und überlegten, ob wir noch zusammen was kochen sollen. Nadja sah an mir herab auf meine Füße und fragte:

„Hey Matze, woher hast du eigentlich die neuen Flip-Flops?“

„Ah die, keine Ahnung, die waren im Vorraum meiner Hütte.“

„Das sind meine!“ sagte Finn.

Nadja und Hannah mussten lachen. Finn lachte gezwungenermaßen mit, aber nur, weil er nicht wütend werden konnte. Er hätte mir am liebsten eins in die Fresse gehauen. Ich musste auch lachen – es war einfach zu komisch und brachte unsere Beziehung auf den Punkt. Obwohl ich mich auch frage, wie ich damals eigentlich drauf war.

Wie es dazu gekommen ist, dass ich seine Schuhe anziehe? Erstens: Wieso hatte ich nicht meine eigenen angezogen? Zweitens: Wie zum Teufel nochmal komme ich ich auf die Idee, einfach die Schuhe anzuziehen, die im Vorraum meiner Hütte auf dem Boden liegen? Wem sollen die denn gehören, außer Frank?

Die einfachste Antwort wäre zu sagen: weil ich ein Arsch war und mir die anderen egal waren. Aber das stimmt nicht. Ich war einfach zu blind, um es zu checken. Und Frank konnte sich nicht bemerkbar machen.

In manchen Situationen übersah ich ihn schlichtweg. Vor allem in der Zeit, als ich emotional an meine Grenzen kam.

Eigentlich war er ein guter Typ. Klar, Er war schon ein Nerd. Aber na und? Er war immer höflich und versuchte sein Bestes im Umgang mit anderen. Außerdem hatte er den Mut, sich aus seinem sterilen Jugendzimmer in Deutschland auf die Reise ins schmutzige Afrika zu machen.

Geplatzte Träume

Als ich mit B zusammen kam entspannte sich die Situation. Ich verbrachte die Nächte bei ihr in der Hütte. Eines Abends lagen wir zusammen im Bett und hörten ihn draußen mit einer Nachbarin Witze machen. Ihren Namen weiß ich nicht mehr. Sie war nicht die hellste und bekam ein Kind nach dem anderen, obwohl sie erst so alt war wie wir. Ihr Mann fuhr immer mit einem hellblauen Mofa durch die Gegend und verkaufte Eis. Er behandelte sie schlecht. Einmal musste sogar Solomon einschreiten, weil er sie zu heftig geschlagen hatte.

Links: das hellblaue Mofa

Sie war unterhaltsam, redete aber desillusioniert vom Leben den ganzen Tag nur Non-Sense, während sie mit einem Kind auf den Rücken gebunden die Wäsche aufhing. Eigentlich könnte man meinen: die zwei finden keinen gemeinsamen Nenner. Falsch gedacht.

Frank kam nach Ghana mit der Illusion, hier werde sein Weltretter-Heldentum im Gegensatz zu Deutschland wertgeschätzt. Während andere Brunnen graben baut er IT-Trainingscenter und richtet die Computer für die Kinder ein, denen er eine bessere Zukunft ermöglicht und die Welt ein Stück weit besser macht. Dabei begegnet er dankbaren Gesichtern und Menschen, die ihm aus ihrer Not befreit mit Tränen in den Augen die Hände schütteln.

Fufu-Talk

Stattdessen saß er abends mit Solomon, Robert und mir um eine Fufu-Schüssel:

Robert: „Hey Frank, eat from that goat!“

Frank: „Oh no, I’m fine. I only take the potatoes.“

Robert: „Oh why?“

Ich: „He is vegan Robert.“

Robert: „He is what?“

Ich: „He doesn’t eat meat.“

Solomon: „Frank. Eat! It’s tasty!“

Ich: „And no eggs and milk too.“

Robert: „Oh, really.“

Robert und Solomon sahen sich nur verständnislos an. Wenn Veganer damals schon in Deutschland außergewöhnlich waren, könnt ihr euch ja vorstellen, wie man ihnen wohl in Afrika begegnete.

Ein paar Monate später saßen wir wieder abends zusammen um eine Fufu-Schüssel:

Solomon: „Hey Matthias, you know I’ve heard that black pussy is much tastier then German.“

Robert: „Yes! Thats what I’ve heard, too.“

Ich: “ … 😉 … „

Frank (mittlerweile mutiger): „I’ve never been with people who talk so much about sex like you!“

Nachdem Frank Fufu-Schüssel für Fufu-Schüssel immer bewusster wurde, dass er hier noch exotischer war als in Deutschland, fing auch er an desillusioniert und sarkastisch zu werden. Anfangs noch distanziert gegenüber der einfachen Dorfbevölkerung in Ayensudo, hörten B und ich ihn vom Bett aus draußen im Innenhof mit der Nachbarin reden. Er beschwichtigte ihren Non-Sense nicht wie sonst mit vernünftigen Worten, sondern antwortete ihr stattdessen mit noch mehr Non-Sense. Es schien, als hätten sie einen gemeinsamen Nenner gefunden.

Wir schauten uns verwundert an. Sie drehte sich verschwitzt zu mir und sagte ausdruckslos:

„This guy will never fuck.“

„No, he won’t.“

Are you sure?