tomorrowonmymind

No, you can't always get what you want, you can't always get what you want, you can't always get what you want, but if you try sometime you'll find, you get what you need

Inshallah

Als Audiobook

„Hey, pssss, Ajak. You got the engine?“ asked Jamal.

„No, damn, I can’t find it. Didn’t we excatly put it this place!?“ replied Ajak.

„Ja es war genau da. Zwischen den zwei Strandkörben mit den kaputten Fußstützen. Grab weiter Habibi! Grab weiter!“

„Ich mach doch, ich mach doch. Pass du lieber auf, dass keiner uns hört.“ entgegnete Ajak.

„Ich hab die Blöcke im Blick. Ist alles ruhig. Lichter sind aus. Bei der Gendarmerie auch. Die räumen gerade den Jungle in Dunkerque.“

Jamal sitzt auf dem Geländer der Promenade und hält sich das Handy ans Ohr. Von hier aus hat er einen guten Blick über den Strand von Calais. Calaisfornia wird es auch genannt. Vor allem wegen der Touristenattraktionen hier an der Promenade. Darunter der zweitgrößte Open-Air-Skatepark Europas, ein Outdoor-Fitness-Bereich und die besten Fritten, die man auf der Nordhalbkugel finden kann.

„Was? Das Camp wird geräumt? Hast du es Kazim gesagt? Du weißt doch, dass die all‘ sein Zeug beschlagnahmen können, wenn er nicht innerhalb von zwei Stunden erscheint!“

„Ja, Kazim wusste schon vorher Bescheid. Maria und Joelle von der Secour Catholique haben es uns gesagt. Die haben bei der Demo am Montag zwei Bullen belauscht, die gerade darüber gesprochen haben, dass sie am Donnerstag räumen wollen.“

„Du meinst die Demo, bei der einer von Samaritas angefangen hat Steine zu werfen?“

„Die Bullen haben angefangen mit den Provokationen. Wie es immer ist. Diese Wichser. Raffael hat nur ein Zeichen gesetzt. Aber egal jetzt, wenn alles gut geht, sind wir morgen weg.“

„Ja, hoffentlich. Halt du Ausschau, ich grab weiter!“


Mittlerweile ist es 3 Uhr Nacht. Nur ein paar verspätete Autofähren tuckern noch in den Hafen. Trotz des Eurotunnels gibt es täglich immer noch mehr als 60 Fährfahrten der Sea France und P&O. Hier ist der Ärmelkanal nur 34 Kilometer breit. Mit dem Schiff ist man in einer Stunde drüben. Auf eines zu kommen ist für die zwei Sudanesen Ajak und Jamal aber fast unmöglich. Der Hafen ist mit Zäunen, Stacheldraht, Patroullien und Überwachungskameras gesichert wie ein Militärstützpunkt.

Vor anderthalb Wochen haben sie zwei Holzbretter und einen Außenbordmotor im Sand vergraben. Sie haben ihre Spuren so verwischt, dass keiner Verdacht schöpft. Heute ist das Meer ruhig. Die Polizei ist außerhalb von Calais im Einsatz. Beste Bedingungen also, um sich auf den Weg nach England zu machen. Sie nennen es „The Game“.

Ziemlich sarkastisch, wenn man bedenkt, dass es dabei um Leben und Tod geht.

Ajak zündet sich ein Hash-Zigarette an.

„Hab richtige Gutes Zeug von Basha bekommen.“

„Was?! Du kaufst was bei den Jemeniten? Bist du behindert? Weißt du nicht, dass wir unter uns bleiben?“

„Ist ok. Er ist ein Kolleg. Er hält die Klappe.“ antwortet Ajak.

„Hoffentlich.“ entgegnet Jamal genervt. „Wenn wir es heute schaffen rüber zu kommen, ist es eh egal. Dann sind wir raus aus dem Dschungel. Ich schwör’s Dir: manchmal hätte ich mir gewünscht nie gegangen zu sein. Meine Familie hat nicht viel. Aber ich musste nicht vor den Bullen abhauen und auf Züge springen. Und mit sechs anderen drei Tage in einem Güterwagon verbringen. Weißt du wie das gestunken hat? Ich wäre fast erstickt.“

„Sag sowas nicht. Was willst du zuhause? Schafhirte werden? Fisch verkaufen? Drei Tage Scheiße riechen ist besser als ein ganzes Leben lang!“

„Ja, du hast ja recht.“

„Ich hab was! Ich hab was! Hier ist was Hartes! Und hier die Bretter! Wallah, komm! Hilf mir!“

Ajak legte schnell auf. Er sprang vom Geländer der Promenade, dass er als Aussichtsposten benutzt hat und hastet die Treppe runter an den Strand. Jamal schaufelt mit beiden Händen den feuchten Sand aus der Grube.

„Hilf mir! Aber sei leise!“ flüsterte Jamal.

Zusammen hieften sie den Außenbordmotor nach oben, den sie vor zwei Wochen in einen blauen Müllsack gepackt haben, um ihn vor Feuchtigkeit und den feinen Sandkörnern zu schützen. Zufrieden schauten sie sich an:

„Einwandfrei. Alles heile. Jetzt noch die Paddel.“ sagt Ajak, kniete sich in den Sand und hiefte die zwei Holzbretter nach oben. „So. Voilà!“

„Fängst du jetzt an französisch zu sprechen?“

„Excactement monsieur!“ lächelte Ajak. Auch Jamal konnte sich das Grinsen nicht verkneifen.

„Wir müssen still sein! Bis jetzt läuft alles nach Plan. Mashallah! Wetter – Check. Motor – Check. Jetzt fehlt nur noch das Boot.“

„Das griegen wir auch noch!“ entgegnete Jamal zuversichtlich.


Plötzlich sahen sie einen Lichtkegel oben auf der Promeda auf sie zukommen. Er bewegte sich langsam von Westen in Richtung Hafen. In ihre Richtung. Der Motor und die Paddel lagen direkt am Strand. Nicht einmal zwei Meter von der Mauer entfernt, die den Sandstrand von der Promenade trennt.

„Fuck! Siehst du das? Da kommt jemand!“ zeigte Ajak auf das helle weiße Licht. „Bullen?“ schaute er Jamal fragend an.

„Nein, kann nicht sein. Die sind doch alle in Dunkerque. Wahrscheinlich ein Jogger. Fuck!“

„Was sollen wir machen? Schau mal wie auffällig der Motor ist!“ deutete Ajak auf den großen blauen Sack neben dem Loch im Sand. Er sah aus wie ein blauer Meteorit neben seinem Einschlagskrater.

„Keine Ahnung man! Wie weit ist der noch weg?“ antwortete Jamal aufgeregt.

„200 Meter vielleicht.“ sagte Ajak.

„Komm, schnell. Wir legen den Motor wieder ins Loch. Hier auf dem Strand sieht man den sofort. Das Loch ist nah an der Mauer. Dort ist er besser versteckt. Der Typ müsste schon anhalten und direkt nach unten schauen um ihn zu sehen.“

„Alles klar!“

Sie hieften den Motor wieder nach unten. Dann legten sie die Bretter darauf und schütten Sand darüber. Beim genauen Hinschauen blitzte nur noch der blaue Müllsack heraus. Jamal schaltete seine Stirnlampe aus. Sie stellten sich beide mit dem Rücken an die Steinmauer.

„Geh ein Stück in die Knie!“ flüstert Ajak. „Von oben sieht man deinen Hinterkopf!“

„Ja, ist gut.“ entgegnete Jamal und stellte sich an die Wand, als würde er Rückengymnastik machen. „Wie weit ist er noch weg?“ flüsterte er.

„20 Meter vielleicht.“ antwortete Ajak leise.

„Meinst du, er sieht ihn und ruft die Bullen?“

„Psst!“ sagt Ajak nur.

Sie hielten beide den Atem an. Der Jogger war jetzt nur noch ein paar Meter entfernt. Der Lichtkegel seiner Stirnlampe warf einen Schatten auf den Strand. Er hielt genau über ihnen. Sie hielten beide die Luft an. Ajek schaut Jamal fragend an. Der hielt nur den Finger auf den Mund.

Einen Moment geschah nichts. Dann fing es an zu tropfeln. Der Typ pisste. Direkt auf Ajeks Kopf. Der wollte aufschreien und zur Seite gehen. Doch Jamal war schneller. Er hielt ihm mit beiden Händen fest und schaut ihm mit einem Blick in die Augen der sagte: „Sei still, sei bloß still!“ Als Ajak sich losreißen wollte, stellte Jamal sich auch unter den Pissstrahl. Die Pisse tröpfelte auf beide nieder. Jamals Gesichtausdruck sprach Bände: „Habibi! Wir haben so viel Scheiße erlebt. Nicht wegen sowas! Nicht wegen sowas! Wir stehen das durch!“

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Typ fertig war. Dann hörten sie ihn seine Hose hochziehen. Das weiße LED-Licht seiner Stirnlampe verschwand vom Strand. Dann lief er weiter.

„Baah, widerlich! So eine Scheiße. Fuck!“ Fluchte Ajak und wischte sich die Pisse vom Körper.

„Dieser Bastard!“ sagte Jamal: „Baaah ist das eklig!“

Ajak wollte gerade losrennen, um sich im Meer zu waschen, als Jamal ihn wieder festhalten musste: „Nein! Das ist zu gefährlich! Vom Wohnblock aus könnte man dich sehen! Die würden die Gendarmerie rufen!“

„Was sollen wir sonst machen man? Wir stinken nach Pisse! Denkst du ich will so da drüben ankommen?“

„Komm!“ sagte Jamal. „Da vorne hinter der Mauer ist eine Dusche für die Badegäste vom Strand. Ich glaube die haben das Wasser noch nicht abgeschaltet. Von den Wohnblöcken aus sieht man die nicht.“

Sie gingen zur Dusche. Das Wasser war kalt. Nachdem sich beide abwechselnd gewaschen und die T-Shirts ausgewringt haben, kamen sie wieder zurück an die Stelle mit dem Loch im Sand.

Sie lehnten sich zitternd an die alte Steinmauer. Beide atmeten erschöpft aus. „Fuck!“ sagte Jamal und holte die kleine Tüte raus, in der noch der halbe Joint von vorhin steckte. Ajak holte zwei Decken aus dem Rucksack und gab Jamal eine. Sie wickelten sich darin ein. Dann zündeten sie sich den halben Joint an.

Sie atmeten den Rauch tief ein und schauten aufs Meer. Die kühle Seeluft wehte ihnen ins Gesicht. Im Sand vor ihnen klaffte das tiefe Loch mit dem Motor darin.

„Meinst du wir schaffen es?“

„Inshallah.“ sagte Alak, zog am Joint und lehnte seinen Kopf nach hinten.

„Inshallah.“