Nachts frierte ich so, dass ich erstarrt aus meinem Tiefschlaf aufwachte. Meine Uhr zeigte 3:55 Uhr. Die Heizung fuhr Abends automatisch herunter und blieb die ganze Nacht aus.
Verzweifelt suchte ich den Lichtschalter für die zwei Hängelampen über der Theke im Eingangsbereich, die bis hoch auf die Etagere leuchteten. Endlich fand ich ihn, wickelte ich mich eine Etage tiefer nochmal in meinen Schlafsack und legte eine zusätzlich Wolldecke darüber.
Ganz alleine war es hier alles andere als gemütlich. Ich vermisste Lesson, der die Nacht zuvor auf der Couch neben mir schlief, nachdem er bis 4 Uhr morgens auf seiner Schreibmaschine tippte. Seine Genügsamkeit beruhigte mich. „Egal wovor du weg rennst: hier bist du sicher.“
Nebel
Wieso aß ich nur Libanesisch? Wieso konnte ich mich bei Yasid, Abdulmajid und den anderen Arabern so entspannen? Wieso genoss ich es so, mit ihnen zusammen bis spät in die Nacht zu essen? Wieso war Sayed der erste, den ich nach meiner Ankunft in Tübingen anrief und nach einem Schlafplatz fragte?
Wieso treffe ich Abdul und Sayed keine Dreiviertelstunde nach meiner Ankunft am Hauptbahnhof. Wieso kommt keine 20 Minuten später Azra, die Kellnerin aus dem Latour die Straße hochgelaufen, sieht mich durch die Scheibe des Schnellimbiss und umarmt mich mit den Worten: „Seit wann bist du hier?“
Wieso vertraute ich keinen Deutschen?
7:00
Um kurz nach sieben wachte ich ein zweites Mal auf. Draußen war es immer noch dunkel. Nur die Straßenlaterne mit dem tieforangefarbenen Licht schien durch die Fensterscheiben der Werkstatt in den ersten Stock der alten Schlosserei.
Ich richtete mich auf. Hier auf der Etagere über der großen Halle, wo eigentlich Geländer und Treppen zusammengeschweißt werden, war es immer am wärmsten.
Andersdenkende
Ich stand auf und zog mir die Socken an, um nicht mit der nackten Haut auf die eiserne Treppe treten zu müssen. Alles war kalt. Unten im Eingangsbereich schaltete ich die Kaffeemaschine und die zwei Hängelampen wieder ein. Wie ein Luftdruckkompressor an der Tankstelle fing sie an zu rattern, nachdem ich den schweren Kippschalter umlegte und die grüne Birne darüber aufflackerte.
Waren wir hier nicht alle Andersdenkende? Widerständler? Die sich weigerten mitzumachen?
Als ich gerade wieder die Treppe hochlaufen und mich an den Schreibtisch setzen wollte, hörte einen Schlüssel im Schloss. Ich war immer noch starr vor Kälte. Draußen war es dunkel.
Vor der Tür stand ein junger Mann mit seinem Sohn.
„Bonjour. Je m’apelle Miguel.“
„Bonjour.“ sagte ich. Ich hasste diese Sprache. Franzosen. Diese Kälte kam wieder hoch.
„Ist die Kaffeemaschine schon warm?“ fragte er.
„Nee. Hab ich grad angemacht.“ sagte ich. Ich wollte niemanden an mich heran lassen.
„Och, schade, jetzt hätte ich mich auf einen Kaffee gefreut. Wer bist du?“
„Habe die letzten Nächte hier geschlafen.“
Wieso war ich so feindselig?
„Darf ich mich ans Klavier setzen, bis die Maschine warm ist?“
„Ja.“ sagte ich und ging nach oben.
Auf der Empore setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Als ich gerade mein Tagebuch aufschlagen wollte, hörte ich von unten eine Melodie, die so schön war, dass sich die Kälte der Nacht von meiner Brust hob wie ein Schleier.
Ein fliegender Schleier. Über Eislandschaften. Gefrorene Böden. Alles verstummte. Entspannte sich. Löste sich. Hebte sich. Die ganze Kälte verlor sich. Ich konnte wieder sehen. Wovor ich gerannt war.
Die Schüsse. Die Explosionen. Der dicke Stahl.
Dann die Kälte. Die toten Gesichter. Gefrorene Körper auf den eisigen Wiesen. Wir gruben Löcher mit den Konservendosen, um uns vor Wind und Kälte zu schützen. Kauerten uns zusammen, um uns gegenseitig zu wärmen.
Er ließ den letzten Ton ausklingen. Das Fenster schloss sich wieder.
„Yann Tiersen?“ fragte ich sprachlos.
„Ne, improvisiert.“
„Improvisiert?“
„Ja.“
„Ich bin Miguel. Wo kommst du her?“
„Das kann ich Dir nicht sagen. “
„Ich komme aus Frankreich. Mein Vater war vor 50 Jahren in diesem Viertel hier stationiert.“
„Ich glaube die Maschine ist warm. Lass uns einen Kaffee trinken!“
1945

Er war 17 Jahre alt, als er in den Krieg ziehen musste. Sie schafften es nicht die Brücke zu sprengen. Hitler richtete sie hin. Er rannte. Die Winter in Gefangenschaft waren das Schlimmste. Mehr als die Hälfte überlebte sie nicht.
Seine Geschichte ist nur eine von vielen.
Platz des unbekannten Deserteurs

Der Platz des unbekannten Deserteurs liegt am östlichen Ende des Französischen Viertels. Sein Name erinnert an das Schicksal von Deserteuren, die in der damaligen Kaserne oder im nahe gelegenen Wald kurz vor Ende des 2. Weltkriegs (nur 3 Monate und einen Tag später) erschossen wurden.
Trotz intensiver Suche konnten lange keine Personennamen oder Akteneinträge zu dem Vorgang gefunden werden. Die Namen wurden am 7. Februar 2020 veröffentlicht. Ihnen wurde auch in Rahmen einer Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung (Ende 2. Weltkrieg) am 8. Mai 2020 gedacht.
Genau ein Jahr später wurde in einer kleinen Veranstaltung ein neues Zusatzschild unter dem Straßenschild mit dem Platznamen feierlich enthüllt. Es nennt nun die beiden bekannten Namen der Hingerichteten.


