
An manchen Tagen gewinnt man, an manchen verliert man. Doch wo ist der rote Faden? Der rote Faden fing an sich endlich durch mich durchziehen zu können, als ich in Taizé von dem Brother in Charge gesagt bekommen habe, dass ich innerhalb der nächsten Woche die Gemeinschaft verlassen sollte.
Was? Wie bitte? Dieses verfickte Gefühl. Ich habe es mein Leben lang. Dieses verfickte Gefühl nicht richtig zu sein. Nicht angenommen zu werden. Keinen Platz zu bekommen. Egal was ich gemacht habe, es war jedes Mal das selbe! „Wir glauben nicht, dass das ein Ort für dich ist. Everywhere you are, there is confusion around you!“
Ich zog weiter. Nach Calais. In den Norden von Frankreich.
Noch nie in meinem Leben saß ich in einem so schnellen Zug.
Ich fuhr mit 320 km/h in zwei Stunden die Strecke von Mâcon nach Paris. Ich verabschiedete mich nur von den engsten. Die, die keine Intrigen gegen mich angezettelt hatten um mich loszuwerden, nur um sich weiterhin vorzumachen zu Gott zu finden obwohl sie einfach nur nicht mit dem Leben in Deutschland klarkamen. Kann ich verstehen. No problem. Aber dann tut nicht so auf Kirche und Christen! Steht einfach dazu, dass das Leben in einer Gemeinschaft einfacher ist! Weit weg von Ehrlichkeit und nah an Rückengrabschern mit Worten wie „Hey my brother“ – äähh nimm mal deine Finger weg!
Israel. Aus dem Chad. Nach eigenen Angaben „studying low“. „Low, low“
Dan aus UK. Der auf dem besten Weg war, ein Bruder zu werden. Auch wenn ich es nicht verstand.
Michael aus Nigeria. Mit der schönsten Stimme in Taizé.
Bishai aus Ägypten.
Sie alle umarmte ich, nachdem ich während der Mittagsmesse am Sonntag aufstand und badend in 1000 Stimmen den Platz räumte. Der Prior sah mich an. Er hatte mich noch im Frühjahr gesegnet. Jetzt war er froh, dass ich gehe. Sie trauten mir nicht über den Weg. Fickt euch!
Mit über 300 Kilometer pro Stunde in unter zwei Stunden nach Paris zu fahren war ein tolles Erlebnis. Wir Deutschen sind so arrogant. Dabei fahren die TGVs schon seit über 20 Jahren doppelt so schnell durch Frankreich wie die ICEs durch Deutschland.
In Taizé hatte ich so tolle Menschen kennengelernt. Oder konnten sie einfach nur toll sein, weil der Ort das beste aus ihnen herausholt?
Jetzt fuhr ich in den Norden nach Calais.
Als ich in Paris ankam, hatte ich keine Ahnung wie ich vom Gare de l’Est zum Gare du Nord kommen sollte.
Ich hing mich an ein gutaussehendes Pärchen mit zwei schweren Rollkoffern und Rucksäcken.
„Hey, please, hi, are you going to Gare du Nord?“
„Yes, follow us.“
„Thank you.“
Alles ging rasend schnell. Paris ist immerhin Paris. Treppe hoch, runter, Metro Schranke, Ticket rein, raus. Einmal um die Kurve und dann wieder durch die Schranke.
Endlich waren wir im Zug.
„Take care of your stuff. This train is used by poor people. Just take care.“
„Alright. Where are you from?“
„New Zealand. We are in honeymoon and on the way to UK.“
„Aah, nice, congratulations! So you are also heading to the north?“
„Yes, we are going to cross under the sea through the Eurotunnel. And you are from?“
„Germany. But am coming from Taizé.“
„AAhh, TAIZÉ, wonderful“ sagten sie mit leuchtenden Augen. „We have been there, too! A wonderful place!“
„Yes, it is.“ sagte ich. „But for my it was time to go.“ setzte ich fort. Nachdem ich von Brother Bernd (Name geändert) mitgeteilt bekommen habe, dass er und die Bruderschaft mich nicht länger dort sehen, nahm eine Kaskade an hochkochenden Emotionen in mir ihren Lauf. Erst war ich geschockt. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen Ort gefunden hatte, an dem ich mich sicher fühlte. An dem ich nicht kämpfen musste. Obwohl das gegen Ende mit den Konfrontationen mit den Brüdern und Long-Term-Volunteer-Christen-Muschis und Sandalen-Ökos immer mehr wurde.
Trotzdem. Auch wenn ich es ahnte. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass sie mich kicken. Weil ich mir nichts zu schulden kommen lassen habe. Ich traute ihnen nicht zu mich rauszuschmeißen ohne einen hinreichenden Grund zu liefern. Ich hatte mich immer an die Regeln gehalten. Sie taten es trotzdem. Einfach weil ich ihnen nicht gefiel. Diese Wichser!
Wieso liest sich der Text, als hätte ich beim Schreiben einen Tourette-Anfall gehabt? Weil die ganze Sache abgelaufen ist wie bei einer Verschwörung. Nach außen hin ist Taizé ein offener und wie schon hundert mal erwähnt ein wundervoller Ort, den ich so kein zweites Mal kenne und an dem sich Menschen entfalten und ihr Bestes zeigen können. But if you are inside the brothership we are talking a different language. Da geht es um Macht und um Intrigen. Ich hatte dort keinen Platz mehr, weil ihnen klar geworden war, dass ich zwar vor Gott, aber nicht vor ihnen auf die Knie gehe.
Egal. Meine Zeit war vorbei und ich fuhr in den Norden. Wie es das Schicksal so wollte hatte das Pärchen sogar noch ein Metro-Ticket für mich.
„For the case that we lose one, we bought one more. You, can take it.“
Kurz vorm Gare du Nord in Paris machte ich noch einen Abstecher in einen Imbiss und holte mir für acht Euro einen Falafel-Yufka. Ich weiß noch, wie ich damals unter Strom stand. Es war auch wirklich krass. Die letzten Wochen war ich in Taizé eine persona non grata. Meine Tage waren gezählt und die Spannung stieg, weil die Brüder nicht wussten, wie ich mit damit umgehe, dass ich gekickt werde. Der Gründer und Prior Roger Schütz wurde in der Kirche erstochen. Ist jetzt nicht so, dass man Gewalt in Taizé nicht kannte.
Zu Beginn war es ein Schock und dann eine riesen Enttäuschung. Doch schlussendlich war es für mich eine Befreiung gesagt zu bekommen, dass ich innerhalb einer Woche gehen soll. So musste ich mir und den anderen wenigstens nicht mehr vormachen, einer von ihnen zu sein.
Ich war wieder auf mich gestellt.
Das nächste Abenteuer wartete schon.
